Herbert Gruber – austrian strawbale network

Herbert Gruber – austrian strawbale network

Herbert Grubers Mission ist Bauen mit Stroh und er ist in Österreich sowie auch international an zahlreichen Projekten beteiligt. Ob STEP, ein Lehrgang für Strohballenbau, Vivihouse, das erste offen lizenzierte Modulbausystem für mehrgeschossigen Strohballenbau, oder seine Virtuelle Baustelle in Ravelsbach, Herbert ist ständig am Netzwerken und er treibt seit gut zwanzig Jahren den Strohbau nicht nur in Österreich voran. Sein umfassendes Wissen über den Strohbau aus seiner langjährigen Praxis, teilt er heuer auch auf dem in England stattfindenden ESBG 2019 (European Staw Bale Gathering). Wir freuen uns sehr, dass er uns heute ein Interview gibt.

SonnenKlee: Herbert, wie bist du eigentlich zum Strohbau gekommen?

Herbert Gruber: Das war einer der glücklichen Zufälle in meinem Leben. Ich war zu der Zeit – 1998 – Herausgeber eines Öko- und Baubiologie-Magazins und zu einem Event eingeladen, das Günther Höchtl am Wachtberg in NÖ veranstaltete. Strohballen, die zu einer temporären Bleibe in Dieter Grafs Kunst in der Landschaft-Areal aufgeschichtet wurden, bildeten den Rahmen für das Fest. Die Idee war, zu zeigen, mit wie wenig (Ressourcen, Material, Technik, Budget) ein gemütliches, wohngesundes Dach über dem Kopf errichtet werden kann. Ein paar Rundholzstämme, eine Glasplatte als schräger Wintergarten, Lehmputz und eine Dämmung aus Strohballen, die hier als Wandbausteine wie Ziegel Wände und Dach ausfachten. Und eine Folie fürs Dach. Architektonisch wunderbar simpel, aber gerade deshalb überzeugend. Dass wir das als erstes Strohballenhaus Österreichs bezeichnet haben, war natürlich vermessen. Kein Fundament, keine Haustechnik, nicht einmal eine Haustüre. Es war bewusst so konzipiert, dass es keine bleibenden Eingriffe in die Natur hinterlässt und begann eigentlich schon vom ersten Tag an, sich gemäß dem Cradle-to-Cradle-Prinzip (Kreislaufgedanken) wieder zu Natur zurück zu wandeln.

SonnenKlee: Was fasziniert dich so an dem Baumaterial Stroh?

Dieses kleine „Landschafts-Kunstwerk“ war der Anlass darüber nachzudenken, ob manfrau mit den Strohballen nicht mehr machen könnte. Und ob niemand anderer bisher auf die ziemlich einleuchtende Idee kam, Strohballen als gut isolierende Wandbausteine zu verwenden. Günstig, lokal verfügbar, leicht zu verputzen, stabil genug, um ein Haus zu tragen, natürlich aus nachwachsenden Rohstoffen und gesund und CO2-einsparend. Das Haus vom Acker also, wie wir damals zu sagen pflegten. Und was das Beste war: die Technik schien so einfach wie mit Lego zu spielen. Diese ganze Diskussion um smarte, passive, technikverliebte Häuser, die uns sogar das Denken abnehmen, und die damals bereits voll in Gang war, wurde im Strohballenbau auf eine Einfachheit reduziert, die alle plötzlich wieder verstanden, die alle lernen konnten, die Inklusion und Partizipation im Baugeschehen versprach. Und Empowerment – schlecht übersetzt also Selbstermächtigung. Das, was uns durch Technik, Normen, Lobbys, echte und falsche Sicherheiten, aber vor allem durch die Baustoffindustrie, die natürlich auf Patente setzen muss, um Geschäfte zu machen, zu liberalisieren. Wieder in die Hände der Baufamilien, Planer und Handwerker zu legen. Open Source eben – übrigens bis heute ein ziemlich eiserner Grundsatz der Strohballenbaubewegung. Ausprobieren, teilen, kommentieren, verbessern, teilen, kommentieren, verbessern. Das ist die Triebfeder des Strohballenbaus. Wer immer eine gute Idee hat, teilt sie und erhält wertvolles Feedback. So hat die Monopolisierung und Aneignung durch einzelne da kaum eine Chance. Zugleich ist das der immens starke Innovationsmotor dieser Bauweise. Patente behindern ja üblicherweise Innovationen.

SonnenKlee: Und es kam niemand vorher auf diese Idee?

Herbert Gruber: Nicht in Österreich, soviel ich weiß. Aber natürlich war die Idee so alt wie die Strohballenpressen, die um 1870 erfunden wurden. Nur sie verbreitete sich damals eigentlich nur im englischsprachigen Raum und in der Permakulturbewegung. In der Bücherei fand ich das amerikanische Buch „The Straw Bale House“, die damalige Bibel des Strohballenbaus (Steen/Steen/Bainbridge). Als ich das las, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Wir hatten 7 Jahre über Baubiologie geschrieben und von einer der einfachsten und nachhaltigsten Art, Häuser zu bauen, nie vorher gehört. Für alle Jüngeren möchte ich erinnern, dass damals „googlen“ nicht möglich war, das durchsuchbare Internet war gerade im Entstehen. Also ab nach Dänemark, wo das zweite ESBG (Europäisches Strohballen Treffen) stattfand, mit gerade mal 20 Teilnehmerinnen, aber unterstützt von zwei amerikanischen Veteranen des Strohballenbaus: Matts Myhrman und David Eisenberg. Das war dann auch die Geburtsstunde des ASBN, des Österreichischen Netzwerks für Strohballenbau.

SonnenKlee: In den letzten Jahren gibt es immer mehr Menschen die beim großen Spiel „höher, schneller, weiter“ nicht mehr mitmachen wollen und nach Alternativen suchen. Ist Bauen mit Stroh ein möglicher Weg für ein besseres Leben?

Herbert Gruber: Ich denke ja. In Zeiten des Klimawandels suchen doch alle nach Alternativen, nach Wegen aus unserem selbst verursachten Dilemma. Einer dieser Wege ist der Strohballenbau. Ein anderer ist Inklusion, Mitbestimmung. Erst wenn ich etwas verstehe, kann ich auch dafür sein. Ich kann selbst etwas dazu beitragen, diese Welt wieder ein Stück durchschaubarer, natürlicher, ressourcenschonender und energiesparender zu machen. Das ist jetzt natürlich sehr einfach gedacht. Die verdichtete Bauweise, die urbanen Ballungszentren, die Mehrfamilienhäuser sparen ja enorme Mengen an Energie und Ressourcen, vor allem durch Synergien. Aber bei all diesen Effizienzbestrebungen ist uns einiges essenziell Menschliches abhandengekommen: die Mitbestimmung, die Durchschaubarkeit, das Mittun. Wir werden bei diesem bigger-better-faster Getue geistig enteignet. Wir berauben uns der Schwarm-Intelligenz. Wir haben die wichtigsten Entscheidungen im Leben, wie wir klima- und menschengerecht Wohnen und möglichst friedlich miteinander leben können, an Firmen und Vorstandschefs abgegeben, die eigentlich ein anderes Interesse verfolgen: ihr eigenes Geschäft. Dabei haben wir Heimat verloren, das fällt uns jetzt auf den Kopf. Heimat ist ja nicht bloß das Geburtsland, es ist eigentlich das, dem wir uns verbunden fühlen. Diese Verbindung will der Strohballenbau wieder herstellen. Der Strohballenbau ist also durchaus populistisch (lacht).

SonnenKlee: Du machst ja sehr viele Seminare und Workshops zum Thema Bauen mit Stroh. Was sind die wichtigsten Gründe, warum Menschen in die Seminare kommen und wovon profitieren sie schlussendlich am meisten?

Herbert Gruber: Hier geht es in erster Linie um das Verstehen von Zusammenhängen. Wie hängt gutes, solides Bauen für Generationen mit Bauphysik, mit guter Architektur zusammen. Es geht um Sicherheit, um Argumente. Jede Baufirma erzählt uns, wie gut ihr eigenes Produkt ist und was für einen Schwachsinn die anderen machen. Die Bauphysik ist ja kein Mysterium. Ein paar handfeste Fakten und ich gehe denen nicht mehr auf den Leim. Und natürlich geht es in einer Welt, in dem immer mehr Menschen täglich ihre Arbeit vor dem Computerbildschirm verbringen, um das Tun. Mal Anpacken, mal mit Lehm herumpantschen. Mal was Bauen. Da werden durchaus Kindheitserinnerungen wach. Aber das Arbeiten mit den eigenen Händen ist einfach so befriedigend. Die Zeit vergeht viel langsamer, zugleich geht oft viel mehr weiter. Da entsteht etwas – gemeinsam. Wir leben zwar immer mehr als Single, aber eigentlich mehr aus Angst. Das entspricht uns als Mensch eigentlich gar nicht. Wir vereinsamen. Der Strohballenbau ist bei uns immer auch eine Community-Sache. Wir bringen Menschen nicht nur Techniken und Tricks bei, machen sie sicherer in ihren künftigen Entscheidungen, helfen ihnen, Fehler zu vermeiden, wir bringen sie auch zusammen. Sie tauschen sich untereinander aus, helfen einander. Dieses Miteinander hält oft sehr lange nach den Workshops an. Sie lernen Gleichgesinnte kennen. Freunde. Wir könnten eigentlich eine Partnervermittlung aufmachen (lacht wieder).

SonnenKlee: Kannst du uns kurz erklären was eine Strohbau Fachkraft ist und wie viele ausgebildete es in Europa und in Österreich bereits gibt. Wo kann ich sie finden, wenn ich ein Stroh-Projekt plane?

Herbert Gruber: Während es bei unseren Schnupperworkshops ums Mitmachen und um die Grundregeln des Bauens und der Bauphysik geht, geht es im 8-monatigen STEP-Kurs (Strohbau-Training für Europäische Professionisten) ans Eingemachte. Menschen, die den Strohballenbau und was alles dazu gehört, ein natürliches, nachhaltiges, energiesparendes Haus zu bauen, als Beruf ausüben wollen, brauchen natürlich viel mehr Informationen. Sie müssen vor allem auch alle möglichen Fehlerquellen kennen und vermeiden können. Sie sollten dann ja selbst entscheiden können, was falsch und was richtig ist. Sie tragen Verantwortung nicht nur für sich selbst, auch für andere und deren Ersparnisse. Moralisch wie legistisch. Baue ich selbst mit, kann ich immer eine Fachfrau oder einen Fachmann fragen. Baue ich selbst, sollte ich das selbst wissen. Oder zumindest sollte ich wissen, wo ich nachschauen kann. Diese Möglichkeit der fundierten Ausbildung bieten wir seit 2017 an. In Deutschland wird die Fachkraft Strohballenbau schon länger angeboten. Allerdings ist das ein etwas kürzerer, nicht so intensiver Kurs. Und bei uns gibt es Trainingsbaustellen. Unsere Trainees lernen also auch auf echten Baustellen ein Haus mit Strohballen, Hanf und Flachs zu dämmen, luft- und winddicht auszuführen, zu verputzen und Fehler zu vermeiden. Wir bilden also „zertifizierte Strohballenbauer“ aus, basierend auf dem Europäischen ECVET-System in Level 3 (mitverantwortlich) und Level 4 (eigenverantwortlich). Daneben bilden wir auch europaweit Trainer von Strohballen-Organisationen aus, die das STEP-Training in ihren eigenen Ländern anbieten wollen. Obwohl es dafür zahlreiche Fördermöglichkeiten wie Bildungskarenz, Umschulungsförderungen durch das AMS oder Europäische Programme wie Mobilities und Internships usw. gibt, ist die Teilnahme am STEP-Kurs schon auch eine Art Lebens- und Jobentscheidung für die eigene Zukunft. Derzeit gibt es 13 bereits zertifizierte, wovon die meisten mit uns in der Genossenschaft StrohNatur zusammen arbeiten und etwa 26 Teilnehmer*innen in Ausbildung. Demgegenüber haben bei unseren 3-Tages-Schnupper-Workshops mit je einem Tag Strohballen- und Lehmputz-Praxis an die 900 Teilnehmer*innen teilgenommen. Aber diese Kurse bieten wir auch schon seit 2008 an.

SonnenKlee: Open Source Konzepte setzen sich zunehmend auch im Baubereich durch, wie man zum Beispiel am Erdwärme & Ringgrabenkollektor sehen kann. Kannst du uns kurz das Open Source Vivihouse-Konzept beschreiben und welche Vorteile es für die/den Baufrau/-herren bietet?

Herbert Gruber: Mit diesem Projekt der TU Wien, gefördert vom FFG und klima+energie-fonds, bei dem wir als Partner für den Strohballenbau und das Training der Student*innen verantwortlich sind schließt sich der Kreis zum verdichteten, mehrgeschossigen, urbanen Wohnungsbau. Wir haben in diesem Projekt überlegt, welche Möglichkeiten der Partizipation es im urbanen Raum geben kann, welche Bauweisen sich eignen, um den doch erhöhten Brandschutz- und Schallschutzbestimmungen im Wohnungsbau zu entsprechen. Das Resultat waren 3 Generalentwürfe und Produktionsweisen, die Nikolas, Paul und Mikka vom ICP mit Unterstützung der Partner konzipiert und in einem Toolkit zusammengefasst haben. Neben dem Einsatz von nachwachsenden Rohstoffen wie Stroh und Holz und damit klimagerechtem, CO2-sparenden Bauen geht es hier um Partizipation und die damit verbundenen Einsparungen. Und natürlich um logistische Abläufe bei der Vorfertigung der Module. Denn mit vivihouse setzen wir – anders als im Einfamilienhausbau – auf Vorfertigung in der Halle. Ziel ist es, im Herbst 2019 ein mehrstöckiges Gebäude in Wien komplett mit Strohballendämmung zu errichten, dessen Module ziemlich komplett von Studenten gefertigt wurden. Die Tragkonstruktion, ein Holzskellettbau mit Stahlknoten wird von einer Zimmerei errichtet, die Haustechnik von einer Haustechnikfirma, also durchaus in Kooperation mit Baufirmen und Handwerkern.

SonnenKlee: Ist es vorstellbar, dass Stroh als Baumaterial vielleicht einmal zum Mainstream wird?

Herbert Gruber: Das kommt darauf an, wie man Mainstream definiert. Als etwas, worauf sich die meisten Menschen einigen können, dann haben wir den Mainstream eigentlich schon erreicht. Es gibt das Gerücht, dass in einigen Regionen in Frankreich überlegt wird, jeden Neubau eines Einfamilienhauses zwingend aus Stroh zu bauen. Das würde natürlich Sinn machen als Antwort auf die Klimaerwärmung. Dort gibt es aber auch bereits 7stöckige Strohballenhäuser, Schulen und Kindergärten in Strohbautechnik. Die politische Unterstützung ist dort auch viel größer, es gibt weniger Normen, die den Strohballenbau nach wie vor im größeren Maßstab behindern. Bei uns schreibt die Bauordnung (OIB-RL 2.1) vor: Bei Betriebsbauten … können auch Baustoffe aus Holz und Holzwerkstoffen der Klasse D verwendet werden, wobei gegebenenfalls verwendete Dämmstoffe der Klasse A2 entsprechen müssen. Was auf Deutsch heißt: Holzständerbauten, die in diese Klasse fallen, müssen mit mineralischen Dämmstoffen gedämmt werden, keine Chance für nachwachsende Rohstoffe. Es gilt also durchaus noch einige Hürden zu überwinden, bevor wir in diesem Sinne im Mainstream angekommen sind. Aber das kommt. So sicher wie der Klimawandel. Die Anfragen nach dieser nachhaltigen Bauweise steigen jedenfalls auch bei uns exponentiell. Will sagen: es wollen wesentlich mehr Menschen ein Strohballenhaus bauen, als wir Strohballenbauer überhaupt derzeit bauen können. Ich würde also sagen: das ist ein ziemlich zukunftssicherer Job. Und nach jedem Medienbericht über Strohballenhäuser, nach jedem Film, jeder Innovation in diesem Bereich, wächst und wächst die Zahl derer, die sich ein Strohballenhaus nicht nur vorstellen können sondern solch ein natürliches Haus auch bauen würden.

SonnenKlee: Kannst du uns schon ein paar Details von dem erzählen was die BesucherInnen am ESBG 2019 erwarten wird?

Herbert Gruber: Wie alle zwei Jahre – 4 Tage Vorträge und Präsentationen, Hands-on-Workshops, Innovationen, Ideen, Austausch und eine wunderbare Gegend. Todmorden klingt ja irgendwie furchteinflößend, liegt aber äußerst idyllisch in der englischen Grafschaft West-Yorkshire. Alle, die sich in Europa mit dem Strohballenbau beschäftigen, werden dort sein. Ich natürlich auch mit 2 Vorträgen. Das ESBG findet übrigens von 15.-18. August statt.

SonnenKlee: Was möchtest du unseren Strohbau-interessierten Leserinnen sonst noch mitgeben?

Herbert Gruber: Habt Mut, Euer eigenes Leben wieder in Eure eigene Hand zu nehmen. Der Strohballenbau ist dabei eine von vielen Möglichkeiten. Protestieren ist super, aber Tun ist noch besser.

Lieber Herbert, vielen Dank für das sehr interessante Gespräch!

Links:

 

Interview mit Wouter Klijn – Strohbau-Verband Niederlande

Interview mit Wouter Klijn – Strohbau-Verband Niederlande

Auch in den Niederlanden findet Bauen mit Stroh immer mehr Anhänger. Einer der treibenden Kräfte im Niederländischen Strohbau ist Wouter Klijn. Er engagiert sich beim Niederländischen Strohbau-Verband (Strobouw Nederland) und ist auch beratend für verschiedene Projekte tätig. Strobouw Nederland ist Projektpartner des derzeit laufenden, EU-geförderten Interreg-Projektes UP STRAW, in das Wouter ebenfalls involviert ist. Im Mai war Wouter im Zuge eines Österreichbesuchs auch bei uns in Abetzdorf, um unsere SonnenKlee Baustroh-Produktion zu besichtigen. Wir freuen uns, dass er heute unserer Einladung zu einem Interview nachgekommen ist und uns mit aktuellen Informationen aus den Niederlanden versorgt.

SonnenKlee: Hallo Wouter, bitte stell dich unseren Lesern kurz vor und sag uns auch wie du zum Thema Bauen mit Stroh gekommen bist?

Wouter Klijn: Seit der Gründung im Jahr 2010 bin ich Mitglied im Strohbau-Verband Niederlande und in dem Verein konzentriere ich mich hauptsächlich auf die technische Seite des Bauens mit Stroh, auf die internationale Zusammenarbeit und auf den Austausch von Wissen und Unterricht im Strohbau.

Vor mehr als 20 Jahren, bekam ich von meiner Mutter einen Strohlehm-Kurs. Es war ein Tag Theorie in Utrecht und eine Wochenendhilfe für ein Strohlehm-Projekt in Belgien. Es war ein sehr schönes Geschenk und die Materialen haben mich beeindruckt, aber ich musste auch feststellen, dass dies nicht wirklich meine Art zu bauen war.

Etwa 10 Jahre später war ich an einem Verein beteiligt, der gemeinsam eine nachhaltige Nachbarschaft aufbauen wollte und dabei war Bauen mit Stroh wieder ein Thema. Aber diesmal waren es Strohballen die zum Einsatz kommen sollten. Ich war dann 5 Tage auf dem “European Strawbale Gathering 2009” (ESBG) in Riemst/Belgien und das war der große Wendepunkt für mich. In den folgenden 9 Jahren kam immer mehr Stroh in mein Leben. Ich hatte immer weniger Zeit für meinen Chef zu arbeiten und vor drei Jahren habe ich dann aufgehört als Projektmanager im Industriebau und seitdem widme ich jetzt den Großteil meiner Zeit dem Verein und gelegentlich arbeite ich auch als beaufsichtigender Berater bei Strohbauprojekten für Architekt, Bauunternehmer oder andere Auftraggeber.

SonnenKlee: Kannst du uns bitte kurz erklären was das Interreg-Projekt UP STRAW ist und wie es entstanden ist?

Wouter Klijn: UP STRAW ist eine Partnerschaft mit 8 Partnern aus 5 Ländern (UK, BE, FR, DE, NL) und gemeinsam werden wir den professionellen / öffentlichen Strohbau einen Schritt weiterbringen. Wir wollen erreichen, dass Stroh zur Errichtung von Gebäuden mehr Anwendung findet und dafür möchten wir folgende Ziele erreichen: Wissen verbreiten, Fachleute ausbilden, den Markt simulieren und fünf Projekte umsetzen. Die fünf Beispielprojekte werden in Hastings-UK, Tilburg-NL, Namur-BE, Montargis-FR und Plankstetten-DE realisiert.

Zur Entstehung des Projekts UP STRAW müssen wir 3 Jahre zurückgehen. Im Jahr 2015 wurde nach sechs Jahren erfolgreicher europäischer Zusammenarbeit die Ausbildung zur Strohbau-Fachkraft etabliert. Dabei hat sich gezeigt, dass die internationale Zusammenarbeit sehr wertvoll ist und dabei entstand der Plan, einen Europäischen Strohbauverband (ESBA – European Straw Building Association) zu gründen. Die noch bessere Zusammenarbeit innerhalb Europas erleichterte auch die Gründung internationaler Projekte und UP STRAW war eines der ersten europäischen Erfolge seit der Gründung von ESBA.

UP STRAW ist eine Partnerschaft mit einer Interreg-Mitfinanzierung. Das Zusammenbringen einer relativ großen Anzahl an kleineren Organisationen für Interreg war kein leichter Weg aber nach Ups and Downs fing das Projekt schließlich doch an erfolgreich zu laufen.

SonnenKlee: Der Niederländischen Strohbau-Verband (Strobouw Nederland) ist ja eine der Partnerorganisationen von UP STRAW. Was wurde im Rahmen der Partnerschaft schon alles realisiert und welche Pläne habt ihr noch bis zum Ende des Programms 2020?

Wouter Klijn: Wie schon erwähnt werden die 8 Partner Beispielprojekte in 5 Ländern realisieren. In den Niederlanden ist es eine Investition der Stadt Tilburg in die Renovierung einer Sporthalle. Zu diesem Zweck wurde ein Entwurf erstellt, der Flächennutzungsplan wurde angepasst, der Genehmigungsausschuss hat zugestimmt und nun folgt noch die Ausschreibung. Neben den fünf Investitionsprojekten gibt es eine Reihe von Themen, an denen auch gemeinsam gearbeitet wird:

– Ausbildung im Strohbau für Studenten und Profis,
– Erstellung einer Datenbank mit den wichtigsten Studien im Bereich Bauen mit Stroh,
– Entwicklung von CO2- und LCA-Berechnungsmethoden, um die Auswirkungen der Strohstruktur deutlich sichtbar / vergleichbar zu machen
– BIM-Modelle für Strohbau,
– Durchführung von Marktanalysen,
– Arbeiten an der Zukunft von Stroh in Ballenform für Strohbau,
– Projektkommunikation und Übertragung des UP STRAW Projektes an die European Strobouw Association (ESBA).
Viele dieser Themen laufen bereits und manche sind noch in Vorbereitung. Näheres findet man auch im Internet unter folgendem Link.

SonnenKlee: Gibt es sonst noch interessante Strohbau-Projekte in den Niederlanden, die du kennst oder in die du vielleicht auch involviert bist?

Wouter Klijn: Das Beispielprojekt der Gemeinde Tilburg ist natürlich ein besonderes Projekt. Erstens, weil es sich um die Renovierung eines öffentlichen Gebäudes handelt. Zweitens, weil es ein großes Projekt mit mehr als 1.200 m² Stroh in der Fassade und im Dach ist. Und mit diesem Projekt versuchen wir auch den Schritt vom Fertigstroh zu Einblasstroh zu machen.

Andere Projekte, die ich erwähnen möchte, wären folgende:

Eine erdbebensichere Strohkonstruktion in den Niederlanden.
PrefabStrobouw fertigt in den letzten Jahren auch vorgefertigte Stroh Paneele in den Niederlanden. Derzeit werden ihre Paneele ebenfalls getestet und als „Innovationsfassade“ im BINK (BuildinG Innovation NetworK) gezeigt. Dies ist Teil eines Konstruktionsinnovationszentrums. Das „Building Innovation Center North Netherlands“ beschäftigt sich mit immer wieder auftretenden Erdbeben, die im Norden der Niederlande aufgrund der jahrzehntelangen Gasproduktion entstanden.

Die Firma StrawblocksSystems stellt Strohpaneele für den professionellen Bau her.
Sie tun dies auch mit minimalem Einsatz von Holz und maximaler Strohoberfläche. Die Paneele sind an die Art der jeweiligen Verarbeitung angepasst (mit Polsterung oder Stuck). Ein schönes Beispiel ist ein Yoga-Zentrum in Sterksel.

Das Projekt von OrioArchitecten ist bereits weit fortgeschritten mit den notwendigen Genehmigungen für ein selbsttragendes Projekt mit Earthship aus Holz und Stroh Bei dem interessanten Projekt soll auch eine RFS (Reciprocal Frame Structure) verwendet werden.

Und ich selbst bin an der Konstruktion eines Bio-Architektur-Designs von Michael Rice beteiligt. Dieser Bau wird in der Nähe von Amsterdam realisiert. Es ist ein Design in einem Traum geschaffen. Mit den Stroharbeiten müssen wir schon im Frühjahr 2019 beginnen.

 

SonnenKlee: Die Strohbau-Community lebt ja bekanntlich vom gegenseitigen Austausch, kannst du uns vielleicht ein paar interessante nationale oder auch internationale Events nennen, die in der nächsten Zeit stattfinden werden?

Wouter Klijn: In den Niederlanden ist die wichtigste Messe die „De Bouwbeurs 2019“. Die Veranstaltung ist vom 4. bis 8. Februar 2019 in Utrecht. Die Messe findet jedes zweite Jahr statt und für die Niederlande ist sie die einzige große Messe in der Baubranche.
Der Verein Strobouw Nederland wird auch hier anwesend sein. Es wird eine lange Straße mit verschiedenen Strohbautechniken / Produkten und einem Stand mit allen möglichen Strohbau verwandte Produkten geben: Ausbau, Installationen, etc.
Und 2019 gibt es auch eine ESBG (European StrawBale Gathering). Diesmal findet diese zweijährliche Veranstaltung in Großbritannien statt. Der Ort ist noch nicht fix aber möglicherweise wird das Netzwerktreffen in der Nähe von Hastings stattfinden. Das ESBG ist ein mehrtägiges Treffen von vielen europäischen Fachleuten im Bereich von Bauen mit Stroh und den damit verbundenen Techniken.

Im Jahr 2017 war die ESBG in Venedig und man kann hier darüber nachlesen.

SonnenKlee: Wie viele Strohhäuser gibt es in den Niederlanden schon und wie denkst du wird sich der Strohbau in den nächsten Jahren entwickeln?

Wouter Klijn: In den Niederlanden gibt es etwa 150 Strohprojekte.
In den letzten Jahren haben wir gesehen, dass der Strohbau immer unabhängiger wird. In den ersten Jahren ging ein großer Teil der Entwicklung, oder die Information darüber, über unseren Strohbau-Verein. In letzter Zeit tauchen immer mehr unbekannte Projekte auf, bei denen kein Kontakt oder keine Informationen durch den Verein entstanden sind.
Ich persönlich glaube, dass es derzeit wirklich eine Chance gibt, dass sich der Strohbau in die Breite entwickelt. Das erfordert einiges an Anstrengung, nicht nur bezüglich Regulierungen, die dem klimagerechten Bauen mehr Raum geben sollen, sondern es bedarf auch Unterstützung mit den richtigen Informationen für alle Beteiligten. Außerdem braucht es noch mehr inspirierende Beispiele und auch Organisationen, die es wagen mit Strohbau neue Wege zu gehen.

SonnenKlee: Was wäre deiner Meinung nach wichtig, damit klimaschonendes Bauen und Dämmen mit Stroh öfter zur Anwendung kommt?

Wouter Klijn: Zahlen Daten und Fakten sind nicht genug. Eine Tonne Stroh hält 1,5 Tonnen CO2 für mehr als die Lebensdauer eines Gebäudes aus der Atmosphäre. Besseres Bauen ist kaum möglich. Stroh als Baumaterial zu einer guten Alternative zu machen, erfordert viel mehr. Der Bau ist kein innovativer Sektor. Der Strohbau hat also großen Widerstand aufgrund von Informationsmangel und Vorurteilen.
Bauen mit Stroh muss selbstverständlich werden. Dabei ist es wichtig, im Voraus mit klaren und leicht zugänglichen WIE- und WARUM-Informationen den Zugang zu erleichtern.
Und dann komme ich noch zur richtigen Herangehensweise. In der amerikanischen Typologie der Strohbauweise stoße ich oft auf den Begriff „Schlamm und Stroh“. Dies scheint mir im professionellen Strohbau kein brauchbares Bild zu sein. Das ist nur in einer ganz speziellen enthusiastischen Welt gut.

SonnenKlee: Ist die Zeit jetzt reif für einen nächsten großen Fortschritt im Strohbau?

Wouter Klijn: Ich denke, die Chancen sind klar. Aber es ist kein Prozess, der selbstverständlich ist. Es braucht das richtige Management. Darüber hinaus denke ich, dass es auch eine große Herausforderung ist, zuerst die „richtige Richtung“ zu finden und sie dann effektiv anwenden zu können.
Das geschieht nicht von heute auf morgen. Ein großer Schritt nach vorn erfordert die notwendige Synchronisierung von Angebot und Nachfrage in den Bereichen Ausbildung, Marketing, Versorgung, Regulierung usw.

In diesem Zusammenhang sehe ich auch, dass es in vielen Projekten immer noch eine Herausforderung ist, den richtigen Strohballen zu finden. Wo kann man gutes Stroh kaufen? Welche Anforderungen muss es auf ein Minimum erfüllen? Welche Dimensionen sind verfügbar? Ist das Stroh ohne Pestizide? Kann es organisch sein? Was sind die Kosten?  Wie koordiniere ich Projekt und Lieferung?  Und was ist mit der Zertifizierung und wofür brauche ich sie?
Landwirte und Akteure der Baubranche müssen sich finden und sich gegenseitig unterstützen. Das sehe ich auch als eine sehr wichtige Aufgabe für unseren Strohbauverein.

 

SonnenKlee: Was möchtest du unseren Strohbau-Interessierten Leserinnen sonst noch mitgeben?

Wouter Klijn: – Manchmal schaue ich gerne aus größerer Distanz auf den Verlauf des Geschehens: Jede Bautechnik kann auf verschiedene Arten angewendet werden. Wir sind alle frei, aber die Auswahl ist begrenzt. Ich sehe dann 3 Möglichkeiten:
– Vergiss es und tu es nie wieder – mach es wie seit Jahren – tu auf eine neue Art und Weise.

Mit Stroh bauen, anders als bisher, das ist die größte Herausforderung für mich. Und dabei geht es nicht nur ums „machen“, sondern ums „verstehen“.

Etwas anders machen als bisher, das tun wir ständig, oft ohne es zu sehen und zu wissen.
Erkennen und verstehen, dass wir etwas anderes machen, das erfordert im Bauwesen über die bekannten Rahmenbedingungen hinauszugehen und sich mit dem Material neu zu befassen. Es geht darum alte Methoden los zu lassen. Aber womit hast du noch etwas zu tun? Nichts. Das ist schwierig.

Ich helfe mir dabei zum Beispiel, indem ich versuche in die Eigenschaften des Materials selbst hineinzusehen. Wie verhält sich Stroh tatsächlich?
Was macht die Wärmeleitung manchmal unabhängig von der Dichte? Was passiert, wenn Kondensation in der Luft zwischen den Strohteilen und im Stroh selbst auftritt? Wie beginnt die Selbstentzündung in einer Strohmasse und unter welchen Bedingungen? Wie würde ich ein Problem lösen, wenn ich der Strohhalm wäre?

Stroh ist ein schönes Material für mich. Im Laufe der Zeit war es immer ein nützliches Material für unsere sich ständig ändernden Umstände: Mangel an Holz, Geldmangel, Bedürfnis nach Natürlichkeit, Aufmerksamkeit für Gesundheit, Wunsch nach Komfort, Notwendigkeit, CO2 zu beseitigen, erschöpfende Rohstoffe und  und und … die Zukunft wird noch viel mehr dazu beitragen das Stroh als Baumaterial eingesetzt wird.

Think like straw, don’t put it in your head!

Lieber Wouter, vielen Dank für das sehr interessante Interviewgespräch.

 

 

 

Jürgen Herler (Biologe) im Interview

Jürgen Herler (Biologe) im Interview

Einer der Gründe warum hierzulande noch nicht mehr Häuser mit Stroh gebaut werden, ist ein großes Informationsdefizit. Um mehr Menschen das Thema nahe zu bringen, sind Referenzprojekte notwendig, die zeigen, dass bauen mit Stroh funktioniert. Jürgen Herler ist einer der schon sehr früh die Vorteile von Stroh als Baumaterial erkannt hat und er hat sein eigenes Haus in dieser vorbildlich nachhaltigen Weise errichtet. Als Ökologe weiß er genau warum es Sinn macht mit Stroh zu bauen und als Bewohner beweist er täglich, dass das Konzept Strohhaus in der Praxis taugt. Wir haben ihn heute zum Interview eingeladen.

Strohballenhaus Herler im Wienerwald

SonnenKlee: Hallo Jürgen, bitte erzähle uns kurz, wer du bist und was du machst.

Jürgen Herler: Hallo. Ich bin von meiner Ausbildung her Biologe und habe 15 Jahren in der Meeresforschung gearbeitet. Vor 3 Jahren habe ich ein Unternehmen für vertikale, essbare Begrünungen gegründet. Vor 4 Jahren haben wir ein strohgedämmtes Holzständerhaus im Wienerwald gebaut, in dem es sich hervorragend lebt.

 

SonnenKlee: Warum hast du dein Haus mit Stroh gebaut?

Jürgen Herler: Weil ich als Biologe immer den

ökologischen Stoffen und biologischen Kreisläufen den Vorzug gebe, da sie keine negativen Umweltfolgen nach sich ziehen. Stroh hat einen kurzen turn-over, muss nicht eigens angebaut werden und hat auch noch hervorragende Dämmeigenschaften. Ein wunderbarer Dämmstoff.

SonnenKlee: Kannst du uns als Biologe/Ökologe vielleicht sagen warum es Sinn macht Häuser mit Stroh zu bauen?

Lehmputz in natur gehalten

 

Jürgen Herler: Es ist biogen, entsteht als Nebenprodukt in der Landwirtschaft, ist lokal verfügbar und hat beste Dämmeigenschaften. Somit gibt es keinen Baustoff mit vergleichbarer Ökobilanz und regionaler Wertschöpfung. Stroh als Dämmstoff löst daher viele Probleme simultan.

SonnenKlee: Bitte nenne uns noch ein paar Fakten aus dem echten Leben in einem mit Stroh gedämmten Haus?

Jürgen Herler: Tatsächlich funktioniert das Haus am besten im Winter, aber da Stroh auch eine sehr gute Wärmespeicherfähigkeit hat, bleibt es auch im Hochsommer recht kühl im Haus. Die Kombination mit Holz, Lehm und Flächenheizungen (Solar-, Holzofenkombination) ergibt eine einzigartige Lebensqualität. Das bestätigen uns auch laufende unsere Besucher, zu denen Bauherren, ArchitektInnen, Vereine und Umweltorganisationen gehören.

 

 

SonnenKlee: Worauf kommt es bei einem wirklich zukunftsträchtigen, verantwortungsbewussten und nachhaltigen Lebenskonzept an?

Jürgen Herler: Auf echte ökologische Konzepte. Lösungen, die möglichst wenige oder gar keine Folgeprobleme mit sich

Jürgen Herlers HERBIOS Vertikalgärten

bringen. Das Schlagwort heißt „nature-based solutions“. Dazu zähle ich im Baubereich vor allem biogene Baustoffe. Stroh kann hier eine große Rolle spielen. Neben dem Wohnbedürfnis ist aber vor allem auch unsere Ernährung wichtig. Diesem Thema gehe ich nun mit meinem Unternehmen Herbios nach, in dem ich Gebäude auch mittels Vertikalgärten „essbar“ machen möchte. Auch unser Strohhaus erhält derzeit eine biologische, essbare Hülle.

SonnenKlee: Was müsste deiner Meinung nach passieren, damit ein Umdenken in der Gesellschaft Platz greift und noch viel mehr Menschen sich für ein nachhaltiges Lebensmodell entscheiden?

Jürgen Herler: Echte Aufklärung zum Thema Ökologie von Baustoffen und mehr Mut für flexibles und reversibles Bauen mit biogenen Baustoffen. Wir bauen für Jahrhunderte, aber schon nach 30 oder 40 Jahren will keiner mehr die „alten“ Häuser. Daher müssen wir uns auch mehr über die Entsorgung unserer Gebäude Gedanken machen. Ökobilanzen sollten ernster genommen werden. In Zeiten des Klimawandels und Artensterbens braucht es einen massiven Strukturwandel in unseren Grundbedürfnissen Wohnen und Ernährung.

SonnenKlee: Würdest du die Bauweise mit Stroh anderen Menschen weiterempfehlen und wenn ja, warum?

Strohaus der Familie Herler

Jürgen Herler: Natürlich. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Klimawerte und Ökobilanz von Stroh sind großartig. Vor allem in Kombination mit Holz und Lehm. Ich möchte die Frage daher umdrehen: warum baut man eigentlich mit anderen Materialien, wenn es auch mit Stroh und Holz geht?

SonnenKlee: Was möchtest du unseren Lesern und Leserinnen sonst noch gerne mitgeben?

Jürgen Herler: Mehr Mut bei der Entscheidung zum Bauen mit biogenen Baustoffen und mehr Vertrauen in die Natur. Die Lösungen sind viel einfacher, als es uns eine technisch hochentwickelte Gesellschaft und Wirtschaft suggeriert. Wichtig ist die Information durch fachlich kompetente Bauberater. Diese werden glücklicherweise laufend mehr. Und bestehende Häuser besuchen. Auch unser Haus steht Besuchern offen, die sich durch unser glückliches Leben in einem Strohhaus stimulieren lassen möchten, ebenfalls ein biologisches Haus für sich oder andere zu bauen.

SonnenKlee: Lieber Jürgen, wir danken dir für das interessante Interviewgespräch!

Jürgen Herler: Sehr gerne! Viel Spaß und Erfolg beim weiteren Umsetzen ökologisch nachhaltiger Bauwerke.

 

Links:

Fotos: Jürgen Herler

Abt Petrus vom Stift Seitenstetten im Interview

Abt Petrus vom Stift Seitenstetten im Interview

Vor rund zweieinhalb Jahren hat der damals noch frisch im Amt befindliche Papst Franziskus in seiner Umweltenzyklika zur ökologischen Umkehr aufgerufen. In seiner Stellungnahme ruft der Papst zur Umkehr auf, um die Umweltzerstörung und den Klimawandel, verursacht durch grenzenlosen Konsum und rücksichtsloses Verhalten zu stoppen. Die Kirche greift damit ein für uns absolut überlebenswichtiges Zukunftsthema auf. Wir haben Abt Petrus vom Stift Seitenstetten über das Leben und Wirtschaften im Stift befragt.

SonnenKlee: Können Sie uns erzählen wie ein typischer Tagesablauf als Abt des Benediktiner Stifts Seitenstetten aussieht und was die wichtigsten Aufgaben dieser Funktion sind?

Abt Petrus:  Der typische Arbeitstag ist gegliedert durch das Chorgebet: Wir beten um 6.00 Uhr früh, mittags und abends. Dazwischen gibt´s Arbeit und jede Menge Termine wahrzunehmen. Das geht vom Unterricht in der Schule über Gespräche mit Mitbrüdern, Mitarbeitern und Gästen zu Sitzungen und Vorbereiten von Predigten sowie Vorträgen. Gemeinsam essen wir zu Mittag und am Abend. Am Abend gibt es immer wieder mal auch Veranstaltungen zu besuchen. In der Regel endet der Tag um ca. 22.30 Uhr.

Die wichtigste Aufgabe als Abt ist es, das Kloster als einen geistlichen Ort zu prägen. Das Stift ist ja primär kein Wirtschaftsbetrieb, sondern ein geistliches Haus. Daher ist die erste Aufgabe, der Klostergemeinschaft ein guter Abt sein, die Gemeinschaft zusammenzuhalten, der Eigenart vieler dienen und letztlich vorbildhaft als Mönch zu leben! Das Schwierigste ist Vorbild sein.

SonnenKlee: Würden Sie uns kurz beschreiben was das Stift Seitenstetten alles zu bieten hat?

Abt Petrus:   Wir verstehen uns primär als geistliches Haus. Wir betreiben gemeinsam mit der Diözese ein Bildungshaus. In unserem Gästetrakt können bis zu 30 Personen übernachten. Wir sind auch ein Wirtschaftsbetrieb mit rd. 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Wir haben 14 Pfarreien zu betreuen, führen ein Stiftsgymnasium mit ca. 430 Schülerinnen und Schülern und im Schacherhof begleitet ein Mitbruder die kirchliche Jugendarbeit im Mostviertel.

SonnenKlee: Wie lässt sich das geistliche Amt des Abtes mit all der Verantwortung für die verschiedenen wirtschaftlichen Unternehmungen des Stifts Seitenstetten vereinbaren?

Abt Petrus: Das erlebe ich als eine sehr schwere Herausforderung. Ich hatte bis zu meinem Amtsantritt als Abt mit Wirtschaft praktisch nichts zu tun. Als Stiftung haben wir Grund und Boden von unseren Gründern erhalten, damit wir diese für Bildung und Seelsorge einsetzen. Es gilt damit so zu wirtschaften, dass wir vom Ertrag und nicht von der Substanz dieser Stiftung gut arbeiten können!

SonnenKlee: Wie werden im Stift Seitenstetten wichtige Entscheidungen getroffen?

Abt Petrus: Die Regel des Hl. Benedikt und die Konstitutionen der Österreichischen Benediktinerkongregation sehen vor, dass in wichtigen Fragen der Rat bzw. die Zustimmung des Seniorenrates einzuholen ist. Bei wichtigen Personalfragen und gravierenden wirtschaftlichen Entscheidungen muss in der Gemeinschaft abgestimmt werden.

SonnenKlee: Im Sommer 2015 hat Papst Franziskus in der Umweltenzyklika zum Energie- und Wassersparen und auch zum Bäume pflanzen aufgerufen. Konnten Sie diesbezüglich innerhalb ihres Wirkungsbereichs bereits Verhaltensänderungen beobachten?

Abt Petrus: Was Bäume pflanzen betrifft weiß ich, dass wir in unserem Forst jährlich sehr viele Bäume pflanzen. Vor allem gibt es in unserem Waldgebiet einige „Forschungsflächen“ wo auch Versuchspflanzungen gemacht werden. Im Stift wird zum Teil nur Nutzwasser für die Toiletten verwendet. Wir haben eine neue, energiesparende Steuerung in unserer Heizanlage eingebaut und den Dachboden im Westtrakt des Meierhofes gedämmt.

SonnenKlee: Die Kirche ist ja auch ein erfolgreiches wirtschaftliches Unternehmen mit sehr langem Bestand. Was könnten heutige Unternehmen über nachhaltiges und generationenübergreifendes Wirtschaften von der Kirche lernen?

Abt Petrus: Am Wichtigsten ist, dass sich die Menschen in einem Betrieb wohl fühlen und sich damit gut identifizieren können. Man arbeitet und wirtschaftet ja nicht für sich selbst, sondern weil wir eine Sendung, einen Auftrag haben. Letztlich haben alle, vom Abt bis zum jüngsten Mitarbeiter, teil an dieser Sendung. Von manchen Mitarbeitern arbeiten schon mehrere Generationen in unserem Haus.

SonnenKlee: Viele Menschen sagen, sie könnten es sich heutzutage nicht mehr leisten auf zukünftige Generationen Rücksicht zu nehmen. Sie würden sonst in dem heute vorherrschenden, so schnellen System  untergehen. Was können Sie dem entgegnen?

Abt Petrus: Das hängt davon ab, was man erreichen möchte, hohen Lebensstandard oder hohe Lebensqualität. Hohen Lebensstandard halten oder gar noch steigern, kann verdammt anstrengend sein. Da kommt man leicht unter die Räder. Die Konkurrenz im Kampf um Wachstumsraten kann erbarmungslos sein. Steigerung der Lebensqualität kann man dagegen auf sehr vielfältige Wege erreichen. Familie, Kinder, Glaube, Freunde, Musik, Kunst, Kultur, Engagement in Gesellschaft, Vereinen und Kirche, und vieles andere mehr kann hohes Lebensglück und Lebensqualität bedeuten. Leben ist nicht mehr haben, sondern mehr sein und da sein für andere.

SonnenKlee: Was würden Sie unseren Lesern sonst noch gerne mit auf den Weg geben?

Abt Petrus: Willst du wahres und unvergängliches Leben finden – dann vertiefe es und reize es nicht aus.

Lieber Abt Petrus, wir danken für das interessante Gespräch!

Heimo Modre – Geschäftsführer Solare Energien im Interview

Heimo Modre – Geschäftsführer Solare Energien im Interview

Unsere Gebäude werden immer effizienter und die noch notwendige Energie für den laufenden Betrieb wird immer öfters direkt vor Ort selber produziert. Der Trend geht eindeutig in Richtung Effizienzsteigerung und Eigenversorgung jedes Gebäudes durch das eigene Kraftwerk. Photovoltaik spielt dabei eine Schlüsselrolle und weil man die in den Sonnenstunden produzierte Energie, auch danach nutzen möchte, steigt der Bedarf an effizienten Energiespeichern. Heimo Modre ist Geschäftsführer von Solare Energie GmbH und hat bereits viele Photovoltaikprojekte umgesetzt. Seine Erfahrung die er in den letzten drei Jahrzehnten mit PV-Inselanlagen für Schutzhütten in alpinen Regionen gewonnen hat, kann er heute auch für Projekte mit neu entwickelten Energiespeicheranlagen nutzen.

SonnenKlee: Können Sie uns erzählen was Sie mit Ihrer Firma Solare Energie GmbH alles leisten?

Heimo Modre: Die Solare Energie GmbH ist ein hochspezialisiertes Unternehmen, welches sich seit fast 30 Jahren mit Photovoltaik und Batterie Speicher auseinandersetzt. Wir beschäftigen uns fast ausschließlich mit autarken Energiesystemen im alpinen Bereich. Dabei handelt es sich um Schutzhütten und andere Objekte welche über keinen direkten Netzanschluss verfügen. Die Anforderungen bei einer sogenannten „Inselanlage“ sind sehr hochgesteckt, denn es müssen die Solargeneratoren und Batterie-Speicher optimal auf die Verbraucher und die zu versorgenden Lasten abgestimmt werden. Hinzu kommen die alpinen Anforderungen, wie Wind, Schnee und tiefe Temperaturen, welche dem verwendeten Material enorme Belastungen abverlangen.

SonnenKlee: Sie sind bereits seit über 25 Jahren im PV-Geschäft, was waren Ihrer Meinung nach die größten Veränderungen in dieser Zeit?

Heimo Modre: Die wohl größte Veränderung in dieser Branche bedeutet der Preisverfall, der im Jahr 2009 begann und bis ca. Ende 2012 anhielt. In diesem Zeitraum sanken die Preise für PV Module um ca. 70%. Das hatte einerseits mit dem Zusammenbruch des spanischen Photovoltaikmarktes zu tun, und andererseits war auch die von China gestartete Produktion im großen Stil ein wesentlicher Grund dafür. Leider verschwanden dadurch auch sehr viele europäische, im speziellen deutsche, hochqualitative Hersteller vom Markt. Interessant ist auch die Entwicklung im Haushaltsbereich, denn hier steigt der Wunsch nach Unabhängigkeit von den großen Netzbetreiber zunehmend!

SonnenKlee: Was war in Ihrer Laufbahn das für Sie interessanteste Solarprojekt?

Heimo Modre: Da gab es schon mehrere Projekte die erwähnenswert waren. Hier fällt mir allerdings im speziellen die Hesshütte im Gesäuse ein. Hier schafften wir es durch eine große Photovoltaikanlage und einen 144 kWh Batterie-Speicher, den Bedarf an fossilen Brennstoffen um mehr als 70 % zu reduzieren. Weil sich die Anlage mitten im National Park Gesäuse befindet und der für den Generator benötigte Diesel-Treibstoff mit dem Hubschrauber hinaufgeflogen wurde, kann man hier durchaus von einem enormen ökologischen Nutzen sprechen. Erwähnenswert finde ich auch die beiden Photovoltaik Anlagen mit Batterie Speicher welche wir für das Außenministerium auf der Österreichischen Botschaft in Islamabad / Pakistan errichten durften. Fünf Wochen Montagezeit mit Temperaturen jenseits der 40 Grad Grenze waren schon ein interessante Herausforderung.

 

SonnenKlee: Viele Leute sagen heute immer noch, sie warten mit der Anschaffung einer PV-Anlage so lange, bis die Modul- und Speicherpreise weiter gefallen sind. Warum macht es Sinn gerade jetzt eine PV-Anlage mit oder auch ohne Speicher zu installieren?

Heimo Modre: Über eine Anschaffung einer Photovoltaikanlage kann man jederzeit nachdenken, die Technologie an sich ist ausgereift und die Module am Dach, sofern sie von einem namhaften Hersteller sind, halten schon 35 oder 40 Jahre durch. Ich gebe folgendes zu bedenken: Preise für Photovoltaik Module werden kaum mehr fallen, denn hier ist der Talboden längst erreicht. Leider gibt es mittlerweile auch sehr viele Billighersteller und hier ist eine Unterscheidung selbst für Fachleute schwierig.

Anders ist das bei den Batterie-Speichern: Hier wird ständig geforscht und entwickelt. Neue Technologien dängen laufend auf den Markt und kurzfristig setzt sich jetzt aktuell der Lithium Ionen Speicher durch. Wohin die Reise in Detail führt, ist aber noch nicht abzusehen. Hier noch ein wenig zuzuwarten kann nicht schaden. Es wird für 2018 auch eine Speicherförderung für Li-Ionen Speicher geben, in welcher Höhe die sein wird, ist noch nicht ganz heraussen. Aber die Pioniere können ja schon mal loslegen, denn diese Menschen braucht es speziell in dieser Branche immer (lacht).

SonnenKlee: Worauf sollte man bei der Anschaffung einer PV-Anlage besonders achten?

Heimo Modre: Setzen Sie hier auf einen namhaften Modulhersteller, der schon mindestens 20 oder 30 Jahre am Markt ist. Japanische Hersteller sind sehr gut, haben ausgezeichnete Garantiebedingungen und verfügen über jahrzehntelange Erfahrung. Setzen Sie auf einen Namen eines großen Herstellers und nicht auf sogenannte „No-Name“ Produkte.

SonnenKlee: Wie denken Sie, wird die Energieversorgung eines typischen Einfamilienhauses in 10 Jahren aussehen?

Heimo Modre: Ich glaube das ist nicht einfach zu beantworten. Es wird auch eine Frage der Investitionen beim Bau eines solchen Objektes sein. Eine eindeutige Tendenz ist aber jetzt schon erkennbar: Viele Menschen die auch ein ökologisches Bewusstsein haben, denken ernsthaft darüber nach auf einen Netzanschluss zu verzichten, ihr Eigenheim autark zu betreiben und sich so in gewisser Weise eine neue Unabhängigkeit zu schaffen. Ich denke das der Zeitraum mit zehn Jahren ein wenig kurz gegriffen ist, aber in 30-50 Jahren haben wir hier absolut brauchbare und erschwingliche Alternativen am Markt verfügbar. Durch die Produktion von Batteriespeichern im großen Stil werden hier genauso wie bei Photovoltaik Modulen die Preise zunehmend fallen.

SonnenKlee: Was möchten Sie unseren Lesern sonst noch mitgeben?

Heimo Modre: Man kann niemand zu einem ökologischen Bewusstsein erziehen oder zwingen, ich bin aber der Meinung das für ökologisch interessierte Mitbewohner auf diesem Planeten mittlerweile genug Alternativen zur Verfügung stehen. Und noch etwas: Es ist egal ob das Erdöl noch 30, 50 oder 200 Jahre reichen wird, das solare Zeitalter steht sowieso bevor!

Lieber Herr Modre, wir danken für das spannende Gespräch!

Günter Lang – Leiter von Passivhaus Austria im Interview

Günter Lang – Leiter von Passivhaus Austria im Interview

Um die Pariser Klimaschutzziele zu erreichen, bedarf es einer Vielzahl von Maßnahmen und Anstrengungen. Vor allem die Effizienzsteigerung im Gebäudebereich ist eines der ganz großen Probleme die es zu lösen gilt. Einer der Kämpfer an vorderster Front für energiesparende Gebäude ist Ing. Günter Lang vom Experten-Netzwerk Passivhaus Austria. Wir haben ihn zur Geschichte des Passivhauses und über sein persönliches Wirken befragt.

 

Kannst du uns kurz erzählen, wann und wie du zum Thema Passivhaus gekommen bist und warum das Konzept für dich persönlich so faszinierend ist?

Ich hab mich seit 1985 intensiv mit Energie sparen beschäftigt und war dann 1997 bei der Tagung “Energieeffizientes Bauen” am Bodensee. Es gab damals auch eine Exkursion zu den ersten drei Passivhäusern in Österreich. Damals wurde für mich klar, wenn ich einmal bauen werde, dann nur in diesem Standard. Das Konzept war so einfach, klar, logisch und nachvollziehbar – für mich fühlte es sich an, als wäre ich neu geboren. Ein Jahr später, 1998 war es dann schon so weit, und wir haben mit der Planung unseres eigenen Hauses begonnen. Gemeinsam mit Architekt Hermann Kaufmann wurde es geplant und wir bauten das erste zertifizierte Passivhaus in Österreich. Ich hab auch von Planungsbeginn an folgendes festgelegt: Ich möchte das bestmögliche Haus bauen, aber zu denselben Kosten wie für den damaligen Mindeststandard notwendig gewesen wäre. Wir haben uns dann ein Jahr Planungszeit genommen, um jedes Detail zu optimieren. Der Clou beim Passivhaus ist, wenn man sich auf die Gebäudehülle konzentriert und wirklich das Bestmögliche macht (nicht kleckern sondern klotzen), senkt man damit den Energieverbrauch schon einmal drastisch.  Dann kann man auf der anderen Seite die Haustechnik wirklich auf ein Mindestmaß reduzieren und damit wieder massiv Kosten einsparen. In unserem Haus brauchen wir auch nur ein halbes Prozent der Nutzfläche für Haustechnik. Das Passivhaus ist ja in Wirklichkeit kein High-Tech Gebäude sondern es funktioniert auch in Low-Tech-Bauweise. Genau das hat mich persönlich von Anfang an angesprochen, weil ich ja nicht so der Technikfreak bin.

Ich hab dann auch mein Haus zum Beruf gemacht, weil erst mit dem Neubau und den gewonnenen Erfahrungen hatte ich letztendlich auch den Mut mich selbstständig zu machen. Gleich nach dem Schritt in die Selbstständigkeit haben wir dann die IG Passivhaus Oberösterreich aus der Taufe gehoben und anschließend die IG Passivhaus Österreich aufgebaut. Erst 2013 habe ich gemeinsam mit Wolfgang Feist und dem Passivhaus Institut das nun sehr erfolgreiche Netzwerk „Passivhaus Austria“ gegründet.

Du lebst ja selber in einem Passivhaus, was sind deiner Erfahrung nach die größten Benefits dieses Standards?

Zu Beginn des Baus stand für mich fast ausschließlich der Umweltschutz und die damit verbundene Energieeinsparung im Vordergrund. Im Rückblick auf die letzten 19 Jahre ist es allerdings Komfort, Komfort und nochmals Komfort. Energiesparen, geringe Betriebskosten und Umweltschutz sind für mich zum angenehmen Nebeneffekt geworden.

Was den Komfort betrifft, habe ich eine kleine Anekdote: Als unsere kleine Nichte, damals erst 4 Jahre alt, bei uns zu Besuch war, ist sie auf dem Fußboden (ohne Unterkellerung) gesessen, mit dem Rücken an einer Glasscheibe gelehnt und so hat sie seelenruhig eine halbe Stunde mit dem Gameboy gespielt. Draußen hatte es jedoch minus 18 Grad und sie hat es nichts davon gemerkt. Das zeigt auch einen großen Vorteil des Passivhauses: Man kann wirklich ganzjährig die gesamte Wohnfläche nutzen, auch wenn sie neben der Außenwand oder gar neben einem Fenster ist. Das ist bei einem konventionellen Gebäude, aufgrund der kälteren Außenflächen, nicht möglich.

Das Passivhaus gibt es nun schon seit gut 20 Jahren, was sind die größten Erfolge die es zu verzeichnen hat?

Das Passivhaus gibt es sogar schon 26 Jahre, damals in Darmstadt-Kranichstein von Dr. Wolfgang Feist entwickelt. Und vor über 40 Jahren wurde bereits in Kanada ein Gebäude in ähnlichem Standard gebaut. Es hat zwar keine so ausgeklügelte Lüftungstechnik wie wir sie heute nutzen, trotzdem ist es bis heute immer noch in Betrieb. Beide Pionierobjekte weisen bis zum heutigen Tag unverändert niedrigste Energieverbräuche wie auch Wartungskosten auf.

Heute ist der Passivhaus-Standard weltweit anerkannt und Österreich hat dabei eine führende Rolle, nicht zuletzt weil wir in Österreich die höchste Pro-Kopf-Dichte an Passivhäusern haben. Wir exportieren auch weltweit unser Passivhaus-Know-how sowie entsprechende Produkte und Dienstleistungen.

Als einen großen Erfolg sehe ich, dass wir nicht mehr nur auf dem Einfamilienhaus-Sektor beschränkt sind, sondern mittlerweile in viel größerem Umfang im großvolumigen Segment sehr erfolgreich sind. Das weltweit erste Hochhaus in Passivhaus-Standard, sowie ein Gefängnis, ein Obdachlosenheim und viele andere Beispiele zeugen davon.

Ein enormer Fortschritt ist, dass das Passivhaus leistbarer geworden ist. Die Kosten, die anfangs höher gelegen sind, sind heute mit dem konventionellen Bau ident.

Das sind schon einige Erfolge, die wir zu verzeichnen haben. Gleichzeitig muss man aber auch sagen, dass der Passivhaus-Standard längst genereller Mindeststandard sein müsste. Einzelne Kommunen machen dies auch schon vor. Die Stadt Brüssel hat das Passivhaus zum Beispiel seit 1.1.2015 schon als Mindeststandard für Neubauten in der Bauordnung. Auch für Sanierungen gilt der Passivhaus-Standard + 20%. Wie man dort sehen konnte, ist der Bau ist nicht wie befürchtet zum Stillstand gekommen, sondern es hat sich sogar als großer Vorteil für Errichter und Nutzer herausgestellt. Auch Dublin und Luxemburg setzen den Passivhaus-Standard schon um. Sogar Moldawien, eines der ärmsten Länder in Europa, bekommt ab 1.1.2022 das Passivhaus als Mindeststandard in die Bauordnung.

In Österreich haben wir in vielen Bereichen eine Gegenentwicklung. Bei den letzten Novellierungen der Wohnbauförderung wurde der Mindeststandard in einigen Bundesländern nicht angehoben sondern an niedrigere Vorgaben der Bauordnung angeglichen und das alles nur wegen der Angst, es könnte zu wenig gefördert gebaut werden.

Trotzdem gibt es gute Beispiele in Österreich, wie z.B. die Neue Heimat Tirol, die seit 2009 schon 4.000 Wohneinheiten im Passivhaus-Standard errichtet hat. Auch die Innsbrucker Immobilien Gesellschaft, die OeAD-Wohnraumverwaltung, die MPREIS Supermärkte, die Explorer Hotelgruppe und die Morscher, Bau- & Projektmanagement haben sich alle dem Passivhaus-Standard verschrieben. So werden z.B. in Tirol schon 85 Prozent aller geförderten sozialen Wohnbauten in Passivhaus-Standard errichtet – und dies freiwillig!

Kannst du uns vielleicht kurz erklären, was der Nearly Zero Energy Building Standard ist und ob er etwas mit dem Passivhaus-Standard zu tun hat?

Die EU-Gebäude-Richtlinie hat 2010 das „Nearly Zero Energy Building“ beschlossen. Ab 2019 müssen alle öffentlichen und ab 2021 auch alle anderen Gebäude in ganz Europa danach errichtet werden. Die Krux an der Sache ist, dass jeder EU Staat selber definieren darf, was unter dem Begriff „Nearly Zero Energy Building“ zu verstehen ist. Im Deutschen lautet die sehr schlechte Übersetzung zum Beispiel Niedrigstenergiehaus. In Österreich ist die Definition überhaupt eine echte Lüge geworden: Das „Nearly Zero Energy Building“ wird hierzulande den 2,5-fachen Energieverbrauch eines Passivhauses haben dürfen. Damit fallen wir gemäß Analyse der EU-Kommission in Europa als ehemals führendes Land an vorletzte Stelle, knapp vor Rumänien, zurück. Gerade in der heutigen Zeit, wo wieder sehr viel mehr neu gebaut wird (rd. 60t Wohneinheiten pro Jahr), führt das dazu, dass der Energieverbrauch und die Emissionen wieder steigen.

Wir gehen hier in Österreich genau die entgegengesetzte Richtung zum Pariser Klimaschutzabkommen. Jenes anteilige CO2 Budget, welches uns zur Verfügung steht, um das 2 Grad Ziel zu erreichen, werden wir in Österreich in den nächsten 18 Jahre aufbrauchen, machen wir so weiter wie bisher. Wenn wir das viel sinnvollere Ziel von 1,5 Grad hernehmen und so weiter tun wie bisher, dann haben wir das CO2-Budget sogar in weniger als 5 Jahren aufgebraucht.

Das heißt, die kommende Regierung und sämtliche politische Entscheidungsträger sind zumindest moralisch dafür verantwortlich, wenn die nächsten Generationen oder eigentlich auch schon wir, vom Klima an die Wand gestellt werden. Wir machen uns schuldig, weil wir seit 1992 eigentlich wissen, was zu tun ist.

Du bist ja Leiter des Experten-Netzwerks „Passivhaus Austria“. Was habt ihr in nächster Zeit alles vor und wo werden eure Schwerpunkte liegen?

Das Netzwerk Passivhaus Austria ist das jüngste in der Szene, wir haben erst 4 Jahre hinter uns und sind in dieser Zeit stark gewachsen. Das Netzwerk umfasst mittlerweile 175 Unternehmen mit 26.000 innovativen Arbeitsplätzen und wir möchten möglichst bald die 200er Marke knacken. Ein breit aufgestelltes Netzwerk ist wichtig, um die Politik herauszufordern. Unser klares Ziel ist es, den Passivhaus-Standard zum Mindeststandard zu machen.

Der erste Schritt für ein energieeffizientes Gebäude ist immer richtig zu rechnen. Das ist eigentlich die einfachste Maßnahme und trotzdem wird sie am Seltensten gemacht. Vor allem deswegen, weil der Energieausweis vorgeschrieben ist, dessen Berechnungsmethode aber bei effizienten Häusern sehr ungenau wird. Wir wollen auch aufzeigen, dass ein Passivhaus unabhängig von der Bauweise möglich ist, egal ob in Massivbauweise oder Holzbauweise, mit klassischen Baustoffen genauso wie mit ressourcenschonenden nachwachsenden Baustoffen. Und es freut mich ganz besonders, dass wir jetzt auch Sonnenklee mit an Bord im Netzwerk Passivhaus Austria haben, denn die Strohdämmung ist ein hervorragendes Produkt und passt sehr gut in das Gesamtportfolio des Passivhauses hinein.

Der Anteil am weltweiten Energieverbrauch für Herstellung und Transport von Baustoffen liegt bei etwa 45 %. Wäre es nicht sinnvoll den Passivhaus-Standard in Richtung Herstellungsenergie von Gebäuden zu erweitern, oder gibt es diesbezüglich ohnehin schon Überlegungen?

Eigentlich nicht, weil das Thema so umfassend ist, das immer die Gefahr besteht, dass man sich verzettelt, wenn man versucht zu viel unterzubringen. Der Fokus des Passivhauses ist es die energetische Betrachtung des Betriebs vorzunehmen und da zu optimieren. Hier wollen wir möglichst breitenwirksam sein und dies auch mit allen Bauweisen ermöglichen.

Das Passivhaus steht allerdings nicht im Widerspruch zu den vielen anderen wichtigen Nachhaltigkeitsthemen. Das neueste PHPP-Berechnungstool hat zum Beispiel auch schon eine Erweiterung, die sich „Passivhaus District“ nennt. Damit kann man ganze Siedlungsgebiete inklusive der kompletten Energieinfrastruktur berechnen. Mobilität gehört genauso dazu wie Baumaterialien, graue Energie, und vieles mehr.

In unserer Passivhaus Datenbank haben wir österreichweit schon 927 Objekte dokumentiert, und von denen haben mehr als der Hälfte den Nachhaltigkeitsgedanken über den energetischen Zielen stehen. Diese Objekte wurden mit nachhaltigen Materialien errichtet und auch beim Betrieb hat man sich bei fast allen Objekten auf erneuerbare Energie fokussiert.

Dies macht sehr deutlich, dass den Bauherren von Passivhäusern überproportional zum Baustandard die umfassende Umsetzung der Nachhaltigkeitskriterien ein großes Anliegen ist.

Auch unsere neue Berechnungsmethode von Primärenergie bezieht sich schon auf das Szenario, dass Gebäude zu 100% mit erneuerbarer Energie versorgt werden.

Um nochmals auf die Frage bezüglich der grauen Energie zurückzukommen: Ich hab damals bei meinem eigenen Gebäude auch schon die Graue Energie berechnet, sogar zweimal, einmal nach der SIA und einmal nach der IBO Methode. Darüber hinaus habe ich sogar die chemischen Treibhausgase in die Bilanzierung mit reingenommen, was sonst praktisch fast nie gemacht wird. Das hat auch sehr interessante Ergebnisse gebracht: Bei der Grauen Energie war dabei meine Erkenntnis, dass alleine die Fundamentplatte genau so viel nicht erneuerbare Primärenergie benötigte, als das gesamte restliche Gebäude und das obwohl ich 53 cm Dämmung habe. Natürlich gibt es zwischen den einzelnen Baumaterialien Unterschiede, die durch aus vakant sind. Wir dürfen dabei aber nicht die Gesamtbetrachtung aus dem Auge verlieren. Beton und die Massivbaustoffe haben mit Abstand den größten Anteil an grauer Energie, darüber wird oft gar nicht gesprochen. Die „Nicht-Dämmer-Fraktion“ fokussiert sich dann oft nur auf die Dämmstoffe und argumentiert damit gegen eine ausreichende Dämmung. Deswegen bin ich bei dem Thema immer vorsichtig und versuche es mit Augenmaß zu betreiben. Wiewohl sehe ich mit der Strohdämmung enorme Potentiale und eine große Chance wirklich nachhaltig zu bauen. Als sehr positives Beispiel könnten wir die Slowakei hernehmen. Dort wurden von den mittlerweile über 100 Passivhäusern, schon 80% mit Strohdämmung gebaut.

Das Passivhaus bietet ja nicht nur der Schutz gegen Kälte, sondern auch gegen sommerliche Überhitzung. Was kannst du uns dazu mitgeben?

Ja der Schutz gegen Hitze ist ein sehr wichtiges Thema und dazu fallen mir gleich zwei Beispiele ein: Malta und Griechenland. Als ich dort jeweils bei den ersten Passivhaustagungen war, habe ich mich vorher schlau gemacht. Ich war dann schockiert, dass sie eine höhere CO2 Belastung durchs Heizen haben als wir in Österreich. Wie kann das sein? Weil die Winter dort viel milder sind gibt es dort ja praktisch keine Heizung und in den paar Monaten wird dann die Klimaanlage im Winter einfach als elektrische Heizung verwendet. Auf Malta zum Beispiel, wird das einzige Kraftwerk mit Schweröl betrieben und damit sind die CO2 Emissionen sehr hoch. In Griechenland ist es ähnlich, da hat man mit Beginn der Krise angefangen mit Holz zu heizen, anstelle es als Baustoff zu verwenden. Bei geringem Waldanteil und nicht nachhaltiger Forstwirtschaft führt das schnell zu Verknappung der Ressourcen. Mit nachwachsenden Rohstoffen muss man sorgsam umgehen und es ist natürlich weit nachhaltiger, damit effiziente Passivhäuser zu bauen, die noch dazu sehr gut vor Hitze schützen, als sie thermisch zu verwerten.

Wo siehst du das Passivhaus in 10 Jahren?

Auf jeden Fall als weltweiten Mindeststandard in der Bauordnung und alle werden sich wundern, warum dies so lange gedauert hat. In Wirklichkeit ist das kein unrealistisches Ziel. Wenn wir global die Klima Herausforderungen betrachten, ist es nicht 5 vor 12 sondern es ist bereits 12! Wir reden schon alle nur mehr von Anpassung an den Klimawandel, das heißt wir haben schon kapiert, dass der Klimawandel voll im Gang ist, setzen aber immer noch nicht die notwendigen Maßnahmen um ihn einzubremsen.

Im Gebäudesektor, der für 40 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich ist, können wir viel zur Eindämmung beitragen. Mit dem Passivhaus-Standard und noch mehr in Kombination mit nachhaltigen Materialien.

Weil wir durch den Passivhaus-Standard die Betriebsenergie stark senken, wird dann prozentual gesehen, die Graue Energie umso mehr. Deswegen ist es wichtig, auch darauf ein entsprechendes Augenmerk zu legen. Aber wie gesagt, die großen Brocken liegen in Beton und in den massiven Bauweise. Aber natürlich trägt jede einzelne Komponente bei und Stroh kann da durchaus noch eine erhebliche Reduktion erwirken.

Was möchtest du unseren Lesern sonst noch mitgeben?

Wir müssen einfach bei jedem Neubau und bei jeder Sanierung ab sofort den Energieverbrauch auf ein Mindestmaß reduzieren, um überhaupt irgendeine Chance zu haben bis 2050 CO2-neutral zu sein. Denn jedes Gebäude das heute neu gebaut oder saniert wird, bleibt bis ca. 2060 auf diesem Stand. Daher müssen wir es jetzt schon richtig machen.

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Bildnachweis: LANG consulting Gmbh