Interview mit Engelbert Schuller-Wagner

Interview mit Engelbert Schuller-Wagner

Engelbert Schuller-Wagner ist ein innovativer Unternehmer, der mit seiner Zimmerei schon viele erfolgreiche Projekte umgesetzt hat. Sein Wissen über den Strohbau hat er bei Pionierprojekten und bei der Zusammenarbeit mit Virko Kade erworben. Wir freuen uns sehr, dass er uns heute ein Interview gibt.

SonnenKlee: Bitte stelle Dich unseren Leserinnen und Lesern kurz vor.

Engelbert Schuller-Wagner: Mein Name ist Engelbert Schuller-Wagner, 44 Jahre jung, verheiratet und stolzer Vater 3er Kinder!

Nach meiner Lehre als Mess- und Regeltechniker wurde mir schnell klar, dass dies nicht MEIN Werkstoff war und somit begann ich meine berufliche Laufbahn als Zimmermann. Nach vielen Jahren am Bau und in der Arbeitsvorbereitung machte ich die Meisterprüfung und kurz danach stürzte ich mich in das Abenteuer der Selbstständigkeit. Nun bin ich seit mittlerweile 6 Jahren mein eigener Chef und seitdem immer auf der Suche nach innovativen Projekten und Baustoffen.

SonnenKlee: Was fasziniert Dich an den Baustoffen Holz und Stroh und warum bist Du Zimmerer geworden?

Engelbert Schuller-Wagner: Das Arbeiten mit Naturmaterialen und im Freien war mir stets wichtig und dies wollte ich auch mit meiner Berufswahl unterstreichen. Durch meinen Vater, gelernter Tischler, habe ich schon früh den Umgang und die Verarbeitung mit Holz gelernt. Diese Zeit hat mich geprägt.

SonnenKlee: Du hast ja bereits zwei lasttragende Strohhallen für uns gebaut. Was hat dich bei den Projekten besonders interessiert und was waren dabei die größten Herausforderungen?

Engelbert Schuller-Wagner: Die größte Herausforderung war den Anrainer zu erklären, was wir hier machen 😉. Scherz beiseite…

Durch die örtliche Nähe der Fa. Sonnenklee wurde ich sehr schnell auf den Baustoff Stroh aufmerksam. Nachdem ich mein erstes Strohbauseminar absolviert hatte, war mir klar, dass dieser Baustoff etwas Besonderes ist und mit Holz perfekt kombinierbar ist und sehr viele Projekte umgesetzt werden könnten.

Nach dem Seminar kam die Fa. SonnenKlee auf mich zu, mit der Anfrage, ob es für mich interessant wäre, eine lasttragende Strohhalle aufzubauen. Natürlich war ich sofort Feuer und Flamme und so begann unsere Zusammenarbeit.

Für mich die größte Herausforderung stellte die Verbindung zwischen Strohballen und Holzbau dar, was wir aber mithilfe von Virko Kade einfach lösen konnten.

SonnenKlee: Kannst Du uns noch etwas über die Konstruktion der beiden Strohhallen erzählen?

Engelbert Schuller-Wagner: Die Herausforderung bei dieser Konstruktion ist die statische Stabilität. Auch wenn die Strohballen sehr groß sind (70x120x250cm) und natürlich auch dementsprechend schwer, war die Ableitung der Windkräfte eine Herausforderung. Wir konnten dies dann mithilfe unseres Statikers, der bis dato nichts mit der Strohbauweise zu tun hatte, und diese nun kennen und schätzen gelernt hat, sehr gut lösen. Jetzt sind wir fit für neue Projekte dieser Art!

SonnenKlee: Die Projekte wurden von Virko Kade (one straw revolution) betreut. Wie ist die Zusammenarbeit mit Virko gelaufen?

Engelbert Schuller-Wagner: Virko hat uns stets unterstützt bzw. sein Fachwissen einfließen lassen. Er war uns eine große Unterstützung!

Sein Fachwissen ist beachtlich und ein man sieht sofort, dass er diese Bauweise zu 100 % vertritt! Dank seiner unkomplizierten und aufgeschlossenen Art ist die Zusammenarbeit mit ihm stets eine Freude.

SonnenKlee: Aktuell planst Du für einen Kunden ein strohgedämmtes Einfamilienhaus. Was ist die Motivation der Baufamilie für diese Bauweise?

Engelbert Schuller-Wagner: Wie vorhin schon erwähnt habe, kann ich in meiner Selbstständigkeit nun Projekt verwirklichen, die mir echt am Herzen liegen und dieses ist definitiv eines davon!

Die Baufamilie schafft mit dieser Bauweise Lebensqualität und nicht nur Lebensraum! Dazu möchten sie, gesunde, nachhaltige, regionale Baustoffe verwenden. Der Strohbau bietet uns die Möglichkeit, nicht recyclebare Produkte, die wir im konventionellen Holzbau für die Dichtheit verwenden müssten, durch nachhaltige, ökologisch sinnvolle Alternativen zu ersetzen. Dies schätzen meine Kunden und auch ich am meisten!

SonnenKlee: Welches Potenzial siehst Du für Stroh als Baustoff in näherer Zukunft?

Engelbert Schuller-Wagner: Ich sehe sehr viel Potenzial darin! Immer mehr Kunden hinterfragen die herkömmlichen Baumaterialien und hier kann ich immer wieder Stroh empfehlen. Durch die Möglichkeit, dass Stroh nun auch in vorhandene Gefache eingeblasen werden kann, bieten sich natürlich im Holzbau sehr viele Varianten an, um Stroh als Dämmstoff zu verwenden.

SonnenKlee: Ich habe auf Deiner Web-Seite gesehen, dass Du schon viele Althaussanierungen gemacht hast. Was ist Dir bei Sanierungsprojekten besonders wichtig?

Engelbert Schuller-Wagner: Natürlich der nachhaltige Aspekt! Unser Firmenmotto lautet „Mit neuem Wissen Altes bewahren“ und wir versuchen diesem Motto treu zu bleiben!

SonnenKlee: Möchtest Du unseren Leserinnen sonst noch etwas mitteilen?

Engelbert Schuller-Wagner: Bei Angeboten sollen die Produkte im Vordergrund stehen und diese dann verglichen werden. Im ersten Augenblick kann ein Angebot mit alternativen Materialien etwas teurer erscheinen, jedoch mit dem Blick auf Nachhaltigkeit, Regionalität und dem ökologischen Fußabdruck, ist ein Bauen mit diesen Produkten immer attraktiver.

Ich freue mich auf die Zukunft und auf weitere Projekte natürlich mit Stroh 😊

Lieber Engelbert, vielen Dank für das Interviewgespräch!

Links:

Strohhalle 2.0

Strohhalle 2.0

Für die langsam aber stetig wachsende Auftragslage bei Sonnenklee benötigten wir wieder mehr Produktions- und Lagerfläche. Da war es für Martin Matzenberger naheliegend, die nächste Dimension im lasttragenden Strohbau zu wagen. Aufgrund unserer sehr guten Erfahrungen mit unserer ersten kleinen lasttragenden Lagerhalle aus Strohballen, haben wir uns entschlossen, das Ganze eine Nummer größer zu planen.

Die Planung war in unserem Fall auch eher speziell: Internetrecherche für ein gebrauchtes Hallendach zum Selbstabbau. Wir beraten unsere Kunden nicht nur zum Bauen mit nachhaltigen Materialien – wir tun es auch selbst – und zwar kompromisslos! Wir haben uns wieder entschlossen, einer gebrauchten Dachkonstruktion inkl. Dachdeckung ein zweites Leben zu ermöglichen und somit vor der Entsorgung zu bewahren. Somit ergaben sich die Abmessungen der Halle aufgrund eines passenden Fundes in der Steiermark. Unter der Regie unseres Holzbaumeisters Engelbert Schuller-Wagner wurde das gebrauchte Hallendach sorgfältig zerlegt, abgebaut und nach Abetzdorf gebracht.

Abbau gebrauchter Dachstuhl in der Steiermark

Auf unserem Firmengelände wurde im Vorfeld bereits eine entsprechende Schotterung vorgenommen und Auflager (ebenfalls wiederverwendete Betonteile) vorbereitet.

Minimale Flächenversiegelung

 Auf eine Versiegelung der Fläche (Beton oder Asphalt) wurde aus mehrerlei Gründen bewusst verzichtet. Es klingt fast unglaublich, aber für diese Halle wurde bis auf 3 kleine Einzelfundamente für die 3 Säulen kein Beton benötigt!

Nur drei Fundamente

Dann gab es bei uns für zwei Tage „Lego für Fortgeschrittene“. Der Juniorchef des Hauses verlegte mit ruhiger Hand an den Steuerhebeln des Forstkranes jeden einzelnen Strohballen in die exakt passende Position. Streng überwacht vom Strohbauexperten Virko Kade.

Lego für Fortgeschrittene

Natürlich muss so ein alternatives Bauprojekt dennoch den behördlichen Auflagen entsprechen. Dafür mussten auch statische Berechnungen erfolgen, die dann in die Planung unseres Holzbaumeisters eingeflossen sind. Kurzum – alles andere als ein üblicher Ablauf bei der Planung und Errichtung einer Lagerhalle.

Hier noch ein Zahlen, Daten und Fakten:

  • Dimension: 35 m Länge, 16 m Breite, 4 m nutzbare Höhe
  • 210 Strohballen im Format 70x120x240cm (davon mussten ca. 25 Stück gekürzt bzw. händisch umgebunden werden), gesamt rund 73 t Weizenstroh

Interview with Nicola Preti – Architect (IT)

Interview with Nicola Preti – Architect (IT)

Nicola Preti, architect and specialist in natural building, Verona (IT)

Nicola is an architect, living in Verona, and he has been designing buildings from natural materials such as wood, straw, hemp and clay for 7 years. He knows how to bring the design and function of buildings together in an intelligent way and he creates healthy and sustainable living space for his customers. We are very pleased that he is answering our interview questions.

SonnenKlee: Can you briefly describe what you do?

Nicola: I have been an architect since 2006 and for about 7 years I have been exclusively involved in designing buildings using natural materials because I believe it is the smarter future for my clients‘ homes.

SonnenKlee: Why is communication important for an architect?

Nicola: In 2012, I decided to open my own business and began to review my business as a designer. I took a trip to Holland because I was looking for a country with businesses based on creativity, innovation and ecology. It was my moment of rebirth. I understood the importance of communication: designing in the Netherlands is half of the preparation of the product. The other half of the preparation is selling. There is no project without its presentation and communication plan. This is how I came to build the private group „Committenti Coraggiosi” (Brave Clients), which today involves more than 100 private clients, and I also involve over 300 participants in my free conferences on straw houses.

SonnenKlee: Why is the use of natural building materials so important and why do you use them in your projects?

Nicola: Today, after 7 years of designing with natural materials, I am still amazed by the properties of wood, the colours of clay, the scent of a straw wall. The result is a design method that has fixed times and costs, and that has not inferior to anything else “traditional” systems, or more tested ones, such as cement, polystyrene and plastic materials. I believe that natural materials are important in architecture because the building sector is one of the most polluting industries in the world and it will have a decisive role in addressing climate change. Secondly, houses built with natural materials are healthy. More and more, houses cause respiration disease for the people living inside them. That is why I prefer to use materials that don’t have a negative impact on the health of people.

SonnenKlee: Is it difficult to find customers who want to build their home with natural building materials?

Nicola: I discovered that it is not difficult to find clients interested in natural homes if you work a lot to inform them. People need to understand and to know what they are going to pay for. A house is a great investment in the life of a person or of a family. I don’t deal with clients that are friends or acquaintances. I prefer to work with clients that have read my web content or have seen the video of my Youtube channel. After they understand the qualities of a straw house, it is easy to gain their confidence.

SonnenKlee: As we have provided SonnenKlee organic construction straw for several of your projects, we know that you have built some straw houses with the wood construction company Carpenteria Ferrari. How important is it for a straw house project to find the right suppliers with experience and what are the most important skills from such partners?

It is fundamental, 100%!

Having a construction company and a supplier that are structured, competent and equipped, is a guarantee for the clients. Before being a cost, a straw house is an investment of around 300-500,000 euros. For this reason it is important to entrust the dream of a natural home not to improvised construction companies, but to companies that have an internal technical office, and carpentry teams trained specifically on wooden buildings. As I always say, a straw house is first digitally built with bits and then in reality it is built with atoms, to quote Nicholas Negroponte.

SonnenKlee: What are currently the biggest obstacles and difficulties encountered when building with straw and clay in Italy?

Nicola: The biggest obstacle is untrained clients who don’t trust designers, and want to do it by themselves, or who rely on friends, without first checking their skills. Straw houses is a very special sector. Specialized and competent technicians are needed, starting with the designers.

SonnenKlee: How has straw construction business developed in Italy since the European Straw Bale Gathering 2017 in Venice?

Nicola: In the last 4 years straw houses in Italy have developed a lot. I remember that at the beginning, straw houses were mostly associated with the idea of self construction. Later on, with the development of designers and construction builders, straw houses have become more and more industrialized and high quality certified. Nowadays, from my point of view, the standard of straw houses is industrial prefabrication, passive design and health control. I believe there is still a lot of experience to be gained, but certainly in Italy there are technicians and construction companies who can keep up and foster a great further development.

SonnenKlee: I have read that you built a straw house in an earthquake area. Are houses made of straw and wood really earthquake-proof?

Nicola: Absolutely, the structure of my houses are calculated to resist earthquakes, as required by Italian law. Together with Carpenteria Ferrari and the structural engineers, we developed a modular prefabricated wall and roof that is very simple to build, and at the same time has a very rich design concept. It can be described with the famous sentence “less is more”. We spent many hours with the executive project , in order to have a modular structure that is resistant, transportable, light and flexible, and naturally resistant to earthquakes. Great attention in this phase is focused on the quality of materials, on the sizing of wood resistant sections and on steel connections, in accordance with the engineer and the carpentry. The main details to be developed for earthquake resistance are the connection between the foundation and the walls, and the bracing of the walls.

SonnenKlee: Can natural building materials also be used for the renovation of old buildings?

Nicola: Of course, they can. For example, when you have to build an elevation of a building, and you need to have a light structure, you should use natural materials that have a lower weight than, for example, cement. The second fact is that old buildings are mostly made with natural materials (wood, clay, reed, …) so using natural materials is the most correct solution in order to respect the original construction method. In the city centre of Verona, we renovated an ancient historical building with a wall in wood and hemp. The structure had stone walls and wood flooring, so the new wall had to be really elastic and adaptable. Wood and hemp in that case were a perfect solution. We habitually use natural materials also to refurbish apartments or houses, and the result is really great,

SonnenKlee: Is there anything else, you want to share with our readers?

Nicola: The 3 things you need to plan right away to start your adventure of a straw house without it becoming a nightmare are:

  1. the budget you need to have available
  2. the professionals you need to contact
  3. the design process with the timing to have the house finished

My advice for a perfect straw house is always to spend more time at the beginning to gather the right information, and only after that to start the path to, actually building it!

Dear Nicola, thank you very much for the interesting and informative conversation!

Links:

Zimmermeister Ing. Johannes Erlinger im Gespräch

Zimmermeister Ing. Johannes Erlinger im Gespräch

Wir von SonnenKlee sind seit jeher darauf bedacht, die oft sehr individuellen Anbieter von (Stroh)bauleistungen, unsere Stammkunden also, für alle sichtbar ins gemeinsame Boot zu holen – und damit der ganzen Szene zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen. So war es nur eine Frage der Zeit, bis wir auch an Johannes Erlinger mit der Bitte um ein ausführliches Interview herantraten. Eine Bitte, der der Zimmermeister gerne nachkam.

Sonnenklee: Johannes, bitte stell dich kurz vor und erzähle uns, was du machst.

Johannes Erlinger: Ich bin Zimmermeister seit 2006, 2015 habe ich meine Firma gegründet und seither ein gutes Dutzend große und sehr viele kleinere Projekte verwirklicht. Wir, also die Erlinger Holzbau GmbH, bauen ökologische Holzhäuser, in denen sich die Menschen wohlfühlen – dank des gesunden und angenehmen Raumklimas, das in ihnen herrscht. Vom Umbau eines bestehenden Objektes bis zum kompletten Neubau ist alles dabei. Wenn es vom Kunden gewollt ist, bieten wir auch den Lehmputz und die Spengler- und Dachdeckerarbeiten an.

Wie bist du zum Strohbau gekommen und was motiviert dich an dem Thema dranzubleiben?

Zum Thema Stroh bin ich vor ca. 20 Jahren gekommen, Herbert Gruber (Obmann des Österreichischen Strohballen-Netzwerks ASBN, Anm.) hatte damals das Buch „Bauen mit Stroh“ geschrieben. Daraufhin habe ich mir eine Strohballenpresse gekauft und zunächst hobbymäßig Baustrohballen gepresst, die wir aber bald in ganz Österreich geliefert haben. Als Zimmermann habe ich die so entstandenen Kontakte nutzen können und manchmal sogar das ganze Holzhaus dazugeliefert, damals noch als Angestellter. Als mein eigener Chef habe ich jetzt viel mehr Möglichkeiten mit den Kunden gemeinsam schöne Lösungen zu finden und zu verwirklichen.

Wie viele Strohhäuser hast du eigentlich schon gebaut?

Das Holzbauunternehmen halte ich bewusst klein, damit ich auch selber auf der Baustelle mitarbeiten kann. Das bedeutet, dass wir drei bis fünf komplette Häuser pro Jahr bauen; daneben setzen wir aber noch viele kleinere Projekte um. Auch so sind, meine Zeit als Angestellter mitgerechnet, an die 30 Strohhäuser entstanden.

Was sagst du Leuten die behaupten, ein Ziegelhaus sei langlebiger als ein Holzhaus?

Für mich haben beide Bauweisen ihre Berechtigung, auch wenn von einer strikt ökologischen Perspektive aus der Strohballenbau natürlich das absolut Beste ist. Worauf es aber weit mehr ankommt, ist die konsequente ökologische Umsetzung und die Wertigkeit der Ausführung. Die Qualität, mit der ein Haus gebaut wurde, zeigt sich spätestens, wenn man etwas umbauen will. Dann lohnt es sich, wenn der Erbauer auf eine gute Ausführung wert gelegt hat, dann hat auch die nächste Generation noch etwas davon. Und die übernächste. Denn in puncto Langlebigkeit sind die Unterschiede zwischen Holz- und Ziegelbauten nicht auszumachen; die Unterschiede zwischen wertig und schleißig gebaut sind hingegen enorm.

Ein sicher leidiges Thema, aber v.a. Menschen, die noch kaum Kontakt mit dem Strohballenbau hatten, fragen fast unvermeidlich danach: Wie gehen Strohballenbau und das sprichwörtliche Strohfeuer zusammen?

Es wurden einige Brandtests mit ganzen Bauteilen durchgeführt, also mit Lehm verputzte Strohwände mit oder ohne Holzständern. Beim Brandschutz wird immer der gesamte Bauteil bewertet. Das bedeutet, dass Brandtests mit dem konkreten Wandaufbau gemacht werden, der dann eingestuft werden kann. Die erforderlichen Brandwiderstandswerte für den Ein- und Zweifamilienhausbau wurden alle locker erreicht. Warum die dicht gepressten Strohballen nicht sofort in Flammen aufgehen? Versucht mal, ein dickes Telefonbuch mit einem Streichholz anzuzünden. Solange das Buch geschlossen ist, wird das nicht gelingen. Nur einzelne Seiten würden Feuer fangen. Und so ist das auch beim Stroh: nur einzelne Halme verpuffen in Sekundenschnelle. Im Strohballen kriegt das Feuer einfach keine Luft.
Sind Strohhäuser billiger als konventionell gedämmte Häuser und zahlt es sich überhaupt für ein Holzbauunternehmen aus, ein Strohhaus zu bauen?
Stroh ist ein günstiger Baustoff, es ist auch viel Eigenleistung der Baufamilie möglich, z. B. beim sogenannten Infill, dem Einfüllen der Strohballen in das Holzständer-Rahmenwerk. Dadurch kann sich diese das meiste Geld ersparen. Die anspruchsvollen Zimmererarbeiten, die nur wir Professionisten bewerkstelligen können, werden deshalb aber nicht oder fast nicht weniger. Das Großartige am Stroh ist, dass es der einzige Dämmstoff ist, der ohne Zusätze verbaut werden kann. Natur pur. Es macht enorm viel Spaß und fühlt sich richtig gut an, mit Stroh und Holz und Lehm zu bauen. Das ist etwas, das vom Geld unabhängig ist; dabei ist es nicht mit Gold aufzuwiegen.

Wird die Klimakrise auch ein Umdenken hin zu CO2-neutralen Baustoffen bewirken?

Da bin ich selber sehr gespannt. Tatsache ist, dass die großen Firmen, die Beton, Ziegel und Stahl herstellen, immer noch in der Lage sind, die Gesetze, die Politiker und die öffentliche Meinung durch Werbung massiv zu beeinflussen. Beim Styropor ist die Zustimmung gerade am Kippen, da die Entsorgung ein ungelöstes Problem darstellt. Gefühlt wird zurzeit so viel betoniert wie noch nie … ich hoffe, die Mutter Erde hat noch Geduld mit uns.

Kannst du uns noch etwas über deine Erfahrungen im lasttragenden Strohballenbau erzählen, bei dem die – oft extragroßen – Strohballen Dämmung und Wandaufbau in einem sind? Wie siehst du als Holzbauer die Chancen und Möglichkeiten in diesem Bereich?

Ein lasttragendes Strohballenhaus zu errichten ist etwas Besonderes. Vom Namen her würde man meinen, dass für den Zimmermann da eher wenig zu tun ist; tatsächlich kommt kaum weniger Holz zum Einsatz als beim hierzulande üblichen Holzständerbau. Nur die Technik ist eine völlig andere. Es ist so ein bisschen „die reine Lehre“ des Strohballenbaus. Wir durften im Jahr 2019 ein Einfamilienhaus gemeinsam mit Virko Kade (einer der profiliertesten Strohballenbauer Österreichs, Anm.) als Berater umsetzen. Das Wohnklima mit 90 cm dicken Strohballenwänden wird fantastisch. Da braucht es sicher keine Klimaanlage im Sommer … und nur sehr wenig Heizenergie im Winter. Wenn wir eine Baufamilie bei solch einem Projekt begleiten dürfen, dann jederzeit gerne!

Was möchtest du unseren Leserinnen und Lesern sonst noch mitgeben?

Jeder Baufamilie mit dem Wunsch ökologisch zu bauen, kann ich nur sagen: Bleibt eurem Wunsch treu! Viele werden sagen, das geht nicht und dies ist nicht gut, so hält das nicht usw. Zu viele ökologische Projekte sind auf diese Art verhindert worden. So vieles ist machbar, definitiv weit mehr als die Bauleute vom alten Schlag für möglich halten. Wer an solche Ökobau-Pessimisten gerät, dem rate ich: Sucht weiter bis ihr auf Menschen stößt, die in der Lage sind, euch dabei zu begleiten und zu unterstützen. Es wird gelingen und euch jeden Tag große Freude bringen. Da lohnt sich die Mühe!

Lieber Johannes, vielen Dank für das spannende Gespräch!

Links:

www.erlinger-holzbau.at

Interview mit Wiebke Kaesberg

Interview mit Wiebke Kaesberg

Wiebke Kaesberg ist verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit des Interreg-Projekts UP STRAW. Mit dem Projekt verfolgt die EU das Ziel, Bauen mit Stroh zu fördern. Für Wiebke ist klimaschonendes Bauen mit Stroh eine Herzensangelegenheit und als PR Managerin setzt sie sich für dessen Bekanntmachung ein. Für Wiebke ist klimaschonendes Bauen mit Stroh eine Herzensangelegenheit und als PR Managerin setzt sie sich für dessen Bekanntmachung ein. Wir freuen uns, dass sie uns heute ein Interview gibt.

SonnenKlee: Kannst du dich unseren Leserinnen und Lesern bitte kurz vorstellen?

Wiebke Kaesberg: Meine ersten Erfahrungen mit Stroh habe ich auf dem elterlichen Hof gemacht: Mit dem Pressen und Verladen von Stroh und „meinem“ Strohboden als Riesen-Hüpfburg bin ich groß geworden. Nach dem Studium der „Sprachen, Wirtschafts- und Kulturraumstudien“ in Passau arbeitete ich im Bereich Marketing und Kommunikation in einem Großkonzern. Nach der Familiengründung kann ich nun im Projekt UP STRAW die Stränge meiner Biografie wieder zusammenführen.

SonnenKlee: Bitte erzähle uns etwas über das Strohhaus-Projekt vom Kloster Plankstetten und welche Rolle spielt UP STRAW dabei?

Wiebke Kaesberg: Im Projekt UP STRAW haben sich fünf Länder zusammengetan, um ihr Knowhow im Bereich Strohbau zu teilen und auszubauen und gemeinsam einen Markt für diese Bauweise zu entwickeln. Die Länder sind Frankreich, Belgien, Niederlande, Großbritannien und Deutschland. In jedem diese Länder wird ein öffentliches Bauprojekt durchgeführt, bei dem bautechnisch etwas Neues angewandt wird und das zeigt, was bereits im Strohbau möglich ist.

Die Benediktinerabtei Plankstetten in Bayern errichtet ein dreigeschossiges Mehrzweckgebäude, das einen Kindergarten, die Gemeindepfarrei sowie 30 neue Gästezimmer für den Seminarbetrieb des Klosters beherbergen wird. Der 60 m lange Bau wird mit Bio-Stroh und Holz aus der klostereigenen Land- und Forstwirtschaft gebaut und das bisher größte strohgedämmte Gebäude in Süddeutschland sein.

SonnenKlee: Gibt es vielleicht Events oder Projekte zum Thema Bauen mit Stroh, die schon geplant sind, oder die du in Zukunft realisieren möchtest?

Wiebke Kaesberg: Ja, wir begleiten den Bauprozess in Plankstetten mit der Veranstaltungsreihe „Strohbau erleben“, bei denen Bauinteressierte Strohballenbau kennen lernen und zum Teil sogar praktisch mit anpacken können. Nachdem am 21.3. die Großballen des Klosters öffentlich in maßgetreue Baustrohballen umgepresst werden, können die Besucher des Klostermarktes am 13./14.6. selbst Strohballen in Holzgefache einbauen. Am 11.7. erfolgt die Grundsteinlegung und Segensspendung durch den Apostolischen Nuntius in Deutschland, Erzbischof Dr. Nikola Eterović. Ein Baustellenfest ist im September geplant und natürlich wird es im Herbst auch einen Hebauf (Richtfest) geben. Mit diesen Veranstaltungen wollen wir die Bekanntheit der Bauweise und ihrer Vorteile steigern. Die wenigsten wissen ja, dass man mit Stroh bauen kann – und zwar nicht nur private, sondern auch große öffentliche Bauwerke.

Neben unseren Events verlegen auch andere Organisationen, die sich mit den Themen Umweltschutz, Bauen und Nachhaltigkeit befassen, ihre Fachveranstaltungen in diesem Jahr nach Plankstetten. Auf der Seite www.bau-mit-stroh.de werden wir die Termine und Anmeldefristen dieser Events rechtzeitig bekanntgegeben.

SonnenKlee: Was gefällt dir persönlich am Bauen mit Stroh am besten?

Wiebke Kaesberg: Vieles, was wir Menschen tun, geht auf Kosten der Erde. Die Entscheidung, ein Haus zu bauen, ist im Leben der meisten Menschen diejenige mit den größten Auswirkungen auf die Umwelt. Wie viel Energie in die industrielle Herstellung von Baustoffen, in das Bauen und Betreiben eines Hauses und am Ende in seine Entsorgung geht, das machen sich wenige klar. Was von einem herkömmlichen Traumhaus übrigbleibt, ist in großen Teilen Sondermüll, der nie vergeht.

Bei Strohballenbau ist das anders. Das menschliche Bedürfnis, nach einem schönen, gemütlichen und auch noch gesunden Zuhause ist mit einem Strohballenhaus erfüllbar – in weitgehendem Einklang mit der Natur. Das gefällt mir am besten, denn die Erhaltung unseres Planeten ist mein Herzensanliegen.

SonnenKlee: Wie kommt das Thema Bauen mit Stroh bei den Menschen an?

Wiebke Kaesberg: Viele sind interessiert und sehr positiv überrascht, wenn sie verstehen, das und wie Bauen mit Stroh geht und welche Vorteile das hat. Die gängigen Befürchtungen bzgl. „Feuer, Feuchte und Viecher“ können schnell genommen werden und dann bleibt vielen nur noch zu sagen: „Leider habe ich schon gebaut. Ich empfehle es meinen Kindern.“

Natürlich gibt es Skeptiker und Menschen, die lieber „Stein auf Stein“ bauen oder die der Umweltaspekt des Bauens  nicht interessiert. Verschiedene Klischees wie „Das ist nur was für Ökofreaks“ oder „So bauen sie in armen Ländern“ können noch überwunden werden. Aber viele Menschen sind aufgeschlossen, erinnern sich an die Bautradition hierzulande und wollen Informationen über den neuesten Stand der Strohbauentwicklung. Ein Bauherr, von Beruf Rechtsanwalt, sagte einmal, er habe lange nach einem „Haken“ bei dieser Bauweise gesucht und ihn nicht gefunden. Das habe ihn überzeugt. Sein Strohhaus steht inzwischen.

SonnenKlee: Was müsste deiner Meinung nach passieren, dass in unserer Gesellschaft bezüglich nachhaltiger Bauweisen ein Umdenken passiert?

Wiebke Kaesberg: Ich würde hier ganz schlicht am Geldbeutel ansetzen. Gesetzliche Veränderungen wie die Einführung einer CO2-Steuer wären ein wirksamer Hebel, um die Kaufentscheidungen der Bauherrschaften zu beeinflussen. Wenn die Auswirkungen eines Bauproduktes auf die Umwelt sich im Preis niederschlagen, haben nachwachsende Rohstoffe wie Stroh die besten Karten. Auch wären Subventionen vom Staat und die finanzielle Förderung nachhaltiger Bauweisen z.B. über günstige Kredite der staatlichen Banken wirkungsvoll. 40% der Treibhausgasemissionen des Landes sind auf den Gebäudesektor zurückzuführen[1]. Um die Klimaschutzziele 2050 zu erreichen, brauchen wir bedeutsame Veränderungen in diesem Bereich. Dazu gehören auch konsequente Bauvorschriften bezüglich der Ökobilanz von Gebäuden bei der Vergabe öffentlicher Bauprojekte.

Aber auch ein Mehr an Information darüber, wie nachhaltiges Bauen – auch im großen Stil – geht, kann das Umdenken fördern.

SonnenKlee: Wie könnte Wissen über Stroh als Baustoff in unserer Gesellschaft besser verbreitet werden, und wo müsste man aus der Sicht einer Kommunikationsexpertin ansetzen?

Wiebke Kaesberg: Hier sind Vorbildprojekte zum Anschauen wie das in Plankstetten oder das Norddeutsche Zentrum für Nachhaltiges Bauen in Verden/Aller natürlich hilfreich. In dem strohgedämmten Fünfgeschossiger in Verden gibt es eine Fachausstellung zum Thema und auch in Plankstetten soll es so etwas noch geben. Aber das reicht nicht für eine Markteinführung.

Aktuell suchen wir Sponsoren für eine breitangelegte Imagekampagne, um die bisher sehr geringe Bekanntheit unter den Verbrauchern zu steigern. Und auch auf der Angebotsseite ist viel zu tun: Das Thema nachhaltiges Bauen sollte Pflichtbestandteil aller Ausbildungen im Baubereich werden (Architekten, Bauingenieure, Handwerker, etc.). Die Architekten- und Handwerkskammern sollten Strohballenbau bzw. Bauen mit nachwachsenden Rohstoffen in ihre Fortbildungsprogramme integrieren und als Qualifizierungsmaßnahme anerkennen. So können die Fachleute ihre Kunden entsprechend proaktiv beraten und Bauherrschaften stießen mit ihren Fragen nach Nachhaltigkeit bei ihrem Handwerker vor Ort auf offene Ohren.

SonnenKlee: Was möchtest du unseren Leserinnen sonst noch mitgeben?

Wiebke Kaesberg: Danke allen, die bis hierher gelesen haben. Es ist gut zu wissen, dass es viele gibt, die sich für eine Wende im Bauwesen und den Schutz des Planeten engagieren.

Liebe Wiebke, vielen Dank für das spannende Gespräch!

Links:

www.bau-mit-stroh.de

www.kloster-plankstetten.de/strohbau

www.nweurope.eu/upstraw

www.nweurope.eu/upstraw

[1] www.bauwende.de

Interview mit Andy Holler – Techniker mit Weltverstand

Interview mit Andy Holler – Techniker mit Weltverstand

Der gebürtige Schweizer Andreas Holler lebt seit vielen Jahren in Neuseeland und Australien. Dem gelernten Heizungsbauer und studierten Sozialwissenschaftler ist gesundes und ökologisches Bauen ein großes Anliegen und er ist nach Österreich gekommen, um sich näher mit dem Strohbau zu beschäftigen. Wir freuen uns ganz besonders, dass er heute für SonnenKlee als Interviewpartner bereitsteht.

SonnenKlee: Andreas bitte stell dich unseren LeserInnen kurz vor.

Andreas Holler: Ich lebe in Perth, West-Australien. Zuvor lebte ich in Christchurch, Neuseeland, wo ich eine Beraterfirma für Energy-smart homes leitete. Wegen der regen Erdbebenaktivität in Christchurch, sind wir umgesiedelt nach Perth. Meine berufliche Laufbahn begann mit der Ausbildung zum Gebäudetechniker mit Spezialgebiet Heizung. Später bildete ich mich dann noch weiter zum Ingenieur für Heizung, Lüftung und Klimatechnik. Schon sehr früh in meiner Ausbildung erkannte ich, dass gut gedämmte Wände, kombiniert mit guten Fenstern, enorm hohen Einfluss auf das Wohlbehagen der Bewohner haben. Später bekam die Gebäudephysik und ethisch verantwortungsvolle gesamtheitlich geplante Gebäudestruktur für mich einen immer höheren Stellenwert. Ich studierte dann auch noch Soziologie, weil ich einfach ein noch besseres Verständnis für den Menschen und sein soziales Verhalten entwickeln wollte. Warum möchten so viele Menschen zwar eigentlich Energie sparen, setzen dies dann aber nicht wirklich um? Und warum werden dann so oft Lösungen wählt, die schlecht für die Umwelt sind und schlussendlich der Menschheit selbst enorm schaden? Ein Paradoxon, auf welches ich bis heute leider immer noch keine endgültige Antwort gefunden habe.

SonnenKlee: Warum ist das Thema gesundes und ökologisches Bauen für dich wichtig?

Andreas Holler: Ich glaube, dass wir als Menschen während unseres Lebens die Verantwortung und Fürsorgepflicht für die Erde, diesem wunderbaren, in unserem Sonnensystem einzigartigen Planeten tragen. Es gibt keine zweite Erde neben unserer. lm Klartext heißt das für mich, dass eine verantwortungsvolle und gesamtheitlich Planungsweise unerlässlich ist. Gesundes und ökologisches Bauen führt zur Konsequenz, dass die gesamte Gebäudetechnik wesentlich kleiner und weniger komplex wird. Dementsprechend ist auch der Energieverbrauch wesentlich kleiner und die laufende finanzielle Belastung für die Bauherren schrumpft auf fast belanglos kleine Werte, ergo minimiert man damit auch die Umweltbelastung. Es ist ein sozioökonomischer Gewinn für alle Beteiligten. Der Gewinn für ein heute total überlastetes Gesundheitssystem ist eine weitere positive Konsequenz. Zum Schluss ist hier die enorm wichtige Anmerkung zu machen, dass wir unbedingt einen Beitrag leisten müssen und können, den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Dies kann nur erreicht werden, indem der Einsatz von fossilen Brennstoffen enorm reduziert wird und gleichzeitig nachwachsende Baumaterialien, die beim Wachstum CO2 binden, wie z.B. Stroh oder Hanf, verstärkt zur Anwendung kommen.

Besuch bei Vivihouse

SonnenKlee: Wie ist die aktuelle Situation betreffend ökologisches und energieeffizientes Bauen in Neuseeland und Australien?

Andreas Holler: Leider sehr schlecht. Die verantwortlichen Personen in wichtigen politischen Schlüsselpositionen, verfolgen die Vogel-Strauß-Strategie (Kopf in den Sand). Außerdem hat vor allem Australien riesige Kohlevorkommen, die noch Jahrhunderte ausreichen werden. Das Land ist enorm reich an Rohstoffen und spürt keinen Handlungsdruck. Obwohl viele von den existierenden Kraftwerken veraltet und überlastet sind, scheint es den verschiedenen Staatenregierungen keine Engpassstrategie zu geben. Die australischen Baubehörden haben immer noch U-Werte, die viel zu hoch sind und hier im EU-Raum heute nicht mehr vorstellbar wären.

SonnenKlee: Siehst du eine Chance, dass in Australien und Neuseeland mit Stroh und Lehm gebaut wird?

Andreas Holler: Im heutigen sehr konkurrenzstarken Umfeld, wo vor allem mit Backstein-Ziegel gebaut wird, stehen die Chancen für Stroh als Baumaterial nicht besonders gut.

Die Gründe dafür sind folgende

  1. Die Grundstückspreise sind enorm hoch und weil Strohballenhaus-Wände oft dicker sind, benötigt man somit mehr teures Bauland.
  2. Das Termitenproblem ist weitverbreitet und die damit verbundenen Bauschäden hoch (bei Holzbauten – nicht bei Strohdämmung).
  3. Die Bauordnung verlangt keine besonders guten U-werte, die ein Strohballenhaus natürlicherweise hat und somit ist auch die Motivation für gute Dämmung bei Bauherren oder den ausführenden Baufirmen sehr gering.
  4. Bauholz kann nach der heutigen australischen Bauverordnung nur dann verwendet werden, wenn es gegen das Termitenproblem behandelt worden ist. Diese Holzbehandlung ist genau spezifiziert und verankert in der Bauverordnung.

SonnenKlee: Wie gefällt es dir in Österreich?

Andreas Holler: Es ist ein wunderschönes Land und es würde hier den Schriftraum sprengen, wenn ich hier darüber schreiben würde….. Was mich vor allem beeindruckt ist, dass man hier versucht eine offene Diskussion zu führen, wie eine zukünftige Energieversorgung aussehen könnte und was die notwendigen Schritte dazu sein sollten.

Ich habe sehr positive Ansätze im Hausbau und im öffentlichen Verkehr gesehen. Wir in Perth zum Beispiel träumen nur von einem solchen Öffi-System, wie ihr es in Wien habt.

Andy unterwegs mit dem Strohblogger

SonnenKlee: Wie ich gehört habe, hast du dich als Schweizer viel mit Baunormen beschäftigt. Was würde es deiner Meinung nach im Bereich Normen bauchen, um es Planungsbüros und ausführenden Unternehmen in Österreich und vielleicht auch in ganz Europa, leichter zu machen mit nachwachsenden Rohstoffen zu bauen?

Andreas Holler: Ein klares Umdenken wie wir als Gesellschaft mit unserer Umwelt umgehen. Das bestehende Wirtschaftsmodell welches auf den Gesetzen von ständig erforderlichem Konsumwachstum und resultierendem Profit aufgebaut ist, muss neu überdacht werden. Das bestehende Wirtschaftsmodell beweist weltweit, dass es nicht funktioniert und uns als Gesellschaft fordert immer neue Umweltbelastungen zu bewältigen. Wir müssen ein neues Wirtschaftsmodell finden.

Es müssen gezielt neue Ausbildungsprogramme entwickelt werden, wo bereits sehr früh gesamtheitliches Denken geschult wird.

Für Bauherren, Planer und ausführende Unternehmen sollte es Steuernachlässe geben, wenn sie sich gezielt und nachweisbar für solche Thematik einsetzen.

Allen anderen, welche aktiv die Umwelt belasten, sollen enorm mehr Steuern bezahlen. Dies nach den Regeln des Verursacherprinzips. Und das gilt für alle, sei es jetzt die Stahlindustrie oder der kleine Bürger.

SonnenKlee: Wie siehst du die zukünftigen Entwicklungen im ökologischen Baustoffbereich und denkst du, dass der Klimawandel ein Umdenken im Baubereich bewirken wird?

Andreas Holler: Die Entwicklungen sind sehr gut. Nicht nur Baustroh entwickelt neue Produkte, sondern auch der Hanfanbau. Die Produktion von Hanfsteinen, Hanfdämmungen und einige Tonprodukte zeigen gute Wachstumspotenziale.

Außerdem ist die Forderung des Endverbrauchers für das gesunde Bauen stark am Wachsen.

Besuch bei SonnenKlee

SonnenKlee: Gibt es vielleicht ein besonderes Projekt im Bereich gesundes und energieeffizientes Bauen, bei dem du mitgewirkt hast und von dem du uns erzählen möchtest?

Andreas Holler: In der Schweiz durfte ich 1978 die erste Sonnenkollektoranlage bauen, die für ein 6-stöckiges Bürohaus konzipiert war. Dieses Gebäude steht inmitten Zürichs Bankenviertel. Auch wurde damals speziell der Warmwasserspeicher im Erdreich unter der Fundamentplatte so gebaut, das man nicht nur ein großes Speichervolumen besaß, sondern auch eine super Dämmung hatte. Man zeigte damit auf, was für eine große Wirkung eine gute Dämmung haben kann. Das Gebäude wurde schon damals mit besseren U-Werten und entsprechendem Dämmmaterial ausgerüstet. Dieses Gebäude bildete dann den Anstoß für viele folgende Neu-/Umbauten mit derselben Planungsphilosophie. Später in Neuseeland durfte ich bei Einfamilienhausbauten und auch kommerziellen Bauten mitwirken.

Generell kann man sagen, dass in allen Projekten immer bereits in der frühen Planungsphase die Grundsatzentscheidung gefällt wurde, gesund und energieeffizient zu bauen. Ich glaube, dass dies der Kernpunkt überhaupt ist für alle solche Infrastrukturprojekte. Diese Grundsteine bilden die Fundamente eines jeden Bauvorhabens. Das ist wirklich entscheidend für das Gelingen solcher Projekte.

Zusammenfassend kann ich sagen, wäre ich damals als junger Heizungsbauer im Jahr 1978 nicht der Idee des energieeffizienten Bauens ausgesetzt gewesen, hätte sich in meinem Leben sicher vieles anders entwickelt. Was ich damit sagen will ist, wie wichtig Ausbildung und der Einfluss gesamtheitlicher Denkweise ist.

SonnenKlee: Was möchtest du unseren Leserinnen sonst noch mitgeben?

Andreas Holler: Wir leben wohl heute in einer sehr dynamischen, schnellen Welt. Der Informationsfluss war nie so groß wie heute. Wir sollten jetzt aber versuchen bei dieser Flut von Daten das essenziell Wichtigste nicht zu vergessen.

Nie aufgeben und alle Planungs- und Aktionsschritte eben offen und transparent diskutieren.

Ich möchte aber hier die Frage in den Raum stellen: Was machen wir Menschen, wenn wir unsere Gesundheit und Umwelt/Lebensraum nicht mehr haben?

Der allgemeine Glaube darf nicht mehr ein Wirtschaftswachstum unter allen Umständen sein.

Ein gesamtheitliches Denken mit dem vollen Verständnis für „jede Aktion mit seinen Wirkungen und Folgen zu betrachten“ muss wieder in das Zentrum unseres menschlichen Bewusstseins rücken.

Lieber Andreas, vielen Dank für das sehr interessante Interview!

Herbert Gruber – austrian strawbale network

Herbert Gruber – austrian strawbale network

Herbert Grubers Mission ist Bauen mit Stroh und er ist in Österreich sowie auch international an zahlreichen Projekten beteiligt. Ob STEP, ein Lehrgang für Strohballenbau, Vivihouse, das erste offen lizenzierte Modulbausystem für mehrgeschossigen Strohballenbau, oder seine Virtuelle Baustelle in Ravelsbach, Herbert ist ständig am Netzwerken und er treibt seit gut zwanzig Jahren den Strohbau nicht nur in Österreich voran. Sein umfassendes Wissen über den Strohbau aus seiner langjährigen Praxis, teilt er heuer auch auf dem in England stattfindenden ESBG 2019 (European Staw Bale Gathering). Wir freuen uns sehr, dass er uns heute ein Interview gibt.

SonnenKlee: Herbert, wie bist du eigentlich zum Strohbau gekommen?

Herbert Gruber: Das war einer der glücklichen Zufälle in meinem Leben. Ich war zu der Zeit – 1998 – Herausgeber eines Öko- und Baubiologie-Magazins und zu einem Event eingeladen, das Günther Höchtl am Wachtberg in NÖ veranstaltete. Strohballen, die zu einer temporären Bleibe in Dieter Grafs Kunst in der Landschaft-Areal aufgeschichtet wurden, bildeten den Rahmen für das Fest. Die Idee war, zu zeigen, mit wie wenig (Ressourcen, Material, Technik, Budget) ein gemütliches, wohngesundes Dach über dem Kopf errichtet werden kann. Ein paar Rundholzstämme, eine Glasplatte als schräger Wintergarten, Lehmputz und eine Dämmung aus Strohballen, die hier als Wandbausteine wie Ziegel Wände und Dach ausfachten. Und eine Folie fürs Dach. Architektonisch wunderbar simpel, aber gerade deshalb überzeugend. Dass wir das als erstes Strohballenhaus Österreichs bezeichnet haben, war natürlich vermessen. Kein Fundament, keine Haustechnik, nicht einmal eine Haustüre. Es war bewusst so konzipiert, dass es keine bleibenden Eingriffe in die Natur hinterlässt und begann eigentlich schon vom ersten Tag an, sich gemäß dem Cradle-to-Cradle-Prinzip (Kreislaufgedanken) wieder zu Natur zurück zu wandeln.

SonnenKlee: Was fasziniert dich so an dem Baumaterial Stroh?

Dieses kleine „Landschafts-Kunstwerk“ war der Anlass darüber nachzudenken, ob manfrau mit den Strohballen nicht mehr machen könnte. Und ob niemand anderer bisher auf die ziemlich einleuchtende Idee kam, Strohballen als gut isolierende Wandbausteine zu verwenden. Günstig, lokal verfügbar, leicht zu verputzen, stabil genug, um ein Haus zu tragen, natürlich aus nachwachsenden Rohstoffen und gesund und CO2-einsparend. Das Haus vom Acker also, wie wir damals zu sagen pflegten. Und was das Beste war: die Technik schien so einfach wie mit Lego zu spielen. Diese ganze Diskussion um smarte, passive, technikverliebte Häuser, die uns sogar das Denken abnehmen, und die damals bereits voll in Gang war, wurde im Strohballenbau auf eine Einfachheit reduziert, die alle plötzlich wieder verstanden, die alle lernen konnten, die Inklusion und Partizipation im Baugeschehen versprach. Und Empowerment – schlecht übersetzt also Selbstermächtigung. Das, was uns durch Technik, Normen, Lobbys, echte und falsche Sicherheiten, aber vor allem durch die Baustoffindustrie, die natürlich auf Patente setzen muss, um Geschäfte zu machen, zu liberalisieren. Wieder in die Hände der Baufamilien, Planer und Handwerker zu legen. Open Source eben – übrigens bis heute ein ziemlich eiserner Grundsatz der Strohballenbaubewegung. Ausprobieren, teilen, kommentieren, verbessern, teilen, kommentieren, verbessern. Das ist die Triebfeder des Strohballenbaus. Wer immer eine gute Idee hat, teilt sie und erhält wertvolles Feedback. So hat die Monopolisierung und Aneignung durch einzelne da kaum eine Chance. Zugleich ist das der immens starke Innovationsmotor dieser Bauweise. Patente behindern ja üblicherweise Innovationen.

SonnenKlee: Und es kam niemand vorher auf diese Idee?

Herbert Gruber: Nicht in Österreich, soviel ich weiß. Aber natürlich war die Idee so alt wie die Strohballenpressen, die um 1870 erfunden wurden. Nur sie verbreitete sich damals eigentlich nur im englischsprachigen Raum und in der Permakulturbewegung. In der Bücherei fand ich das amerikanische Buch „The Straw Bale House“, die damalige Bibel des Strohballenbaus (Steen/Steen/Bainbridge). Als ich das las, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Wir hatten 7 Jahre über Baubiologie geschrieben und von einer der einfachsten und nachhaltigsten Art, Häuser zu bauen, nie vorher gehört. Für alle Jüngeren möchte ich erinnern, dass damals „googlen“ nicht möglich war, das durchsuchbare Internet war gerade im Entstehen. Also ab nach Dänemark, wo das zweite ESBG (Europäisches Strohballen Treffen) stattfand, mit gerade mal 20 Teilnehmerinnen, aber unterstützt von zwei amerikanischen Veteranen des Strohballenbaus: Matts Myhrman und David Eisenberg. Das war dann auch die Geburtsstunde des ASBN, des Österreichischen Netzwerks für Strohballenbau.

SonnenKlee: In den letzten Jahren gibt es immer mehr Menschen die beim großen Spiel „höher, schneller, weiter“ nicht mehr mitmachen wollen und nach Alternativen suchen. Ist Bauen mit Stroh ein möglicher Weg für ein besseres Leben?

Herbert Gruber: Ich denke ja. In Zeiten des Klimawandels suchen doch alle nach Alternativen, nach Wegen aus unserem selbst verursachten Dilemma. Einer dieser Wege ist der Strohballenbau. Ein anderer ist Inklusion, Mitbestimmung. Erst wenn ich etwas verstehe, kann ich auch dafür sein. Ich kann selbst etwas dazu beitragen, diese Welt wieder ein Stück durchschaubarer, natürlicher, ressourcenschonender und energiesparender zu machen. Das ist jetzt natürlich sehr einfach gedacht. Die verdichtete Bauweise, die urbanen Ballungszentren, die Mehrfamilienhäuser sparen ja enorme Mengen an Energie und Ressourcen, vor allem durch Synergien. Aber bei all diesen Effizienzbestrebungen ist uns einiges essenziell Menschliches abhandengekommen: die Mitbestimmung, die Durchschaubarkeit, das Mittun. Wir werden bei diesem bigger-better-faster Getue geistig enteignet. Wir berauben uns der Schwarm-Intelligenz. Wir haben die wichtigsten Entscheidungen im Leben, wie wir klima- und menschengerecht Wohnen und möglichst friedlich miteinander leben können, an Firmen und Vorstandschefs abgegeben, die eigentlich ein anderes Interesse verfolgen: ihr eigenes Geschäft. Dabei haben wir Heimat verloren, das fällt uns jetzt auf den Kopf. Heimat ist ja nicht bloß das Geburtsland, es ist eigentlich das, dem wir uns verbunden fühlen. Diese Verbindung will der Strohballenbau wieder herstellen. Der Strohballenbau ist also durchaus populistisch (lacht).

SonnenKlee: Du machst ja sehr viele Seminare und Workshops zum Thema Bauen mit Stroh. Was sind die wichtigsten Gründe, warum Menschen in die Seminare kommen und wovon profitieren sie schlussendlich am meisten?

Herbert Gruber: Hier geht es in erster Linie um das Verstehen von Zusammenhängen. Wie hängt gutes, solides Bauen für Generationen mit Bauphysik, mit guter Architektur zusammen. Es geht um Sicherheit, um Argumente. Jede Baufirma erzählt uns, wie gut ihr eigenes Produkt ist und was für einen Schwachsinn die anderen machen. Die Bauphysik ist ja kein Mysterium. Ein paar handfeste Fakten und ich gehe denen nicht mehr auf den Leim. Und natürlich geht es in einer Welt, in dem immer mehr Menschen täglich ihre Arbeit vor dem Computerbildschirm verbringen, um das Tun. Mal Anpacken, mal mit Lehm herumpantschen. Mal was Bauen. Da werden durchaus Kindheitserinnerungen wach. Aber das Arbeiten mit den eigenen Händen ist einfach so befriedigend. Die Zeit vergeht viel langsamer, zugleich geht oft viel mehr weiter. Da entsteht etwas – gemeinsam. Wir leben zwar immer mehr als Single, aber eigentlich mehr aus Angst. Das entspricht uns als Mensch eigentlich gar nicht. Wir vereinsamen. Der Strohballenbau ist bei uns immer auch eine Community-Sache. Wir bringen Menschen nicht nur Techniken und Tricks bei, machen sie sicherer in ihren künftigen Entscheidungen, helfen ihnen, Fehler zu vermeiden, wir bringen sie auch zusammen. Sie tauschen sich untereinander aus, helfen einander. Dieses Miteinander hält oft sehr lange nach den Workshops an. Sie lernen Gleichgesinnte kennen. Freunde. Wir könnten eigentlich eine Partnervermittlung aufmachen (lacht wieder).

SonnenKlee: Kannst du uns kurz erklären was eine Strohbau Fachkraft ist und wie viele ausgebildete es in Europa und in Österreich bereits gibt. Wo kann ich sie finden, wenn ich ein Stroh-Projekt plane?

Herbert Gruber: Während es bei unseren Schnupperworkshops ums Mitmachen und um die Grundregeln des Bauens und der Bauphysik geht, geht es im 8-monatigen STEP-Kurs (Strohbau-Training für Europäische Professionisten) ans Eingemachte. Menschen, die den Strohballenbau und was alles dazu gehört, ein natürliches, nachhaltiges, energiesparendes Haus zu bauen, als Beruf ausüben wollen, brauchen natürlich viel mehr Informationen. Sie müssen vor allem auch alle möglichen Fehlerquellen kennen und vermeiden können. Sie sollten dann ja selbst entscheiden können, was falsch und was richtig ist. Sie tragen Verantwortung nicht nur für sich selbst, auch für andere und deren Ersparnisse. Moralisch wie legistisch. Baue ich selbst mit, kann ich immer eine Fachfrau oder einen Fachmann fragen. Baue ich selbst, sollte ich das selbst wissen. Oder zumindest sollte ich wissen, wo ich nachschauen kann. Diese Möglichkeit der fundierten Ausbildung bieten wir seit 2017 an. In Deutschland wird die Fachkraft Strohballenbau schon länger angeboten. Allerdings ist das ein etwas kürzerer, nicht so intensiver Kurs. Und bei uns gibt es Trainingsbaustellen. Unsere Trainees lernen also auch auf echten Baustellen ein Haus mit Strohballen, Hanf und Flachs zu dämmen, luft- und winddicht auszuführen, zu verputzen und Fehler zu vermeiden. Wir bilden also „zertifizierte Strohballenbauer“ aus, basierend auf dem Europäischen ECVET-System in Level 3 (mitverantwortlich) und Level 4 (eigenverantwortlich). Daneben bilden wir auch europaweit Trainer von Strohballen-Organisationen aus, die das STEP-Training in ihren eigenen Ländern anbieten wollen. Obwohl es dafür zahlreiche Fördermöglichkeiten wie Bildungskarenz, Umschulungsförderungen durch das AMS oder Europäische Programme wie Mobilities und Internships usw. gibt, ist die Teilnahme am STEP-Kurs schon auch eine Art Lebens- und Jobentscheidung für die eigene Zukunft. Derzeit gibt es 13 bereits zertifizierte, wovon die meisten mit uns in der Genossenschaft StrohNatur zusammen arbeiten und etwa 26 Teilnehmer*innen in Ausbildung. Demgegenüber haben bei unseren 3-Tages-Schnupper-Workshops mit je einem Tag Strohballen- und Lehmputz-Praxis an die 900 Teilnehmer*innen teilgenommen. Aber diese Kurse bieten wir auch schon seit 2008 an.

SonnenKlee: Open Source Konzepte setzen sich zunehmend auch im Baubereich durch, wie man zum Beispiel am Erdwärme & Ringgrabenkollektor sehen kann. Kannst du uns kurz das Open Source Vivihouse-Konzept beschreiben und welche Vorteile es für die/den Baufrau/-herren bietet?

Herbert Gruber: Mit diesem Projekt der TU Wien, gefördert vom FFG und klima+energie-fonds, bei dem wir als Partner für den Strohballenbau und das Training der Student*innen verantwortlich sind schließt sich der Kreis zum verdichteten, mehrgeschossigen, urbanen Wohnungsbau. Wir haben in diesem Projekt überlegt, welche Möglichkeiten der Partizipation es im urbanen Raum geben kann, welche Bauweisen sich eignen, um den doch erhöhten Brandschutz- und Schallschutzbestimmungen im Wohnungsbau zu entsprechen. Das Resultat waren 3 Generalentwürfe und Produktionsweisen, die Nikolas, Paul und Mikka vom ICP mit Unterstützung der Partner konzipiert und in einem Toolkit zusammengefasst haben. Neben dem Einsatz von nachwachsenden Rohstoffen wie Stroh und Holz und damit klimagerechtem, CO2-sparenden Bauen geht es hier um Partizipation und die damit verbundenen Einsparungen. Und natürlich um logistische Abläufe bei der Vorfertigung der Module. Denn mit vivihouse setzen wir – anders als im Einfamilienhausbau – auf Vorfertigung in der Halle. Ziel ist es, im Herbst 2019 ein mehrstöckiges Gebäude in Wien komplett mit Strohballendämmung zu errichten, dessen Module ziemlich komplett von Studenten gefertigt wurden. Die Tragkonstruktion, ein Holzskellettbau mit Stahlknoten wird von einer Zimmerei errichtet, die Haustechnik von einer Haustechnikfirma, also durchaus in Kooperation mit Baufirmen und Handwerkern.

SonnenKlee: Ist es vorstellbar, dass Stroh als Baumaterial vielleicht einmal zum Mainstream wird?

Herbert Gruber: Das kommt darauf an, wie man Mainstream definiert. Als etwas, worauf sich die meisten Menschen einigen können, dann haben wir den Mainstream eigentlich schon erreicht. Es gibt das Gerücht, dass in einigen Regionen in Frankreich überlegt wird, jeden Neubau eines Einfamilienhauses zwingend aus Stroh zu bauen. Das würde natürlich Sinn machen als Antwort auf die Klimaerwärmung. Dort gibt es aber auch bereits 7stöckige Strohballenhäuser, Schulen und Kindergärten in Strohbautechnik. Die politische Unterstützung ist dort auch viel größer, es gibt weniger Normen, die den Strohballenbau nach wie vor im größeren Maßstab behindern. Bei uns schreibt die Bauordnung (OIB-RL 2.1) vor: Bei Betriebsbauten … können auch Baustoffe aus Holz und Holzwerkstoffen der Klasse D verwendet werden, wobei gegebenenfalls verwendete Dämmstoffe der Klasse A2 entsprechen müssen. Was auf Deutsch heißt: Holzständerbauten, die in diese Klasse fallen, müssen mit mineralischen Dämmstoffen gedämmt werden, keine Chance für nachwachsende Rohstoffe. Es gilt also durchaus noch einige Hürden zu überwinden, bevor wir in diesem Sinne im Mainstream angekommen sind. Aber das kommt. So sicher wie der Klimawandel. Die Anfragen nach dieser nachhaltigen Bauweise steigen jedenfalls auch bei uns exponentiell. Will sagen: es wollen wesentlich mehr Menschen ein Strohballenhaus bauen, als wir Strohballenbauer überhaupt derzeit bauen können. Ich würde also sagen: das ist ein ziemlich zukunftssicherer Job. Und nach jedem Medienbericht über Strohballenhäuser, nach jedem Film, jeder Innovation in diesem Bereich, wächst und wächst die Zahl derer, die sich ein Strohballenhaus nicht nur vorstellen können sondern solch ein natürliches Haus auch bauen würden.

SonnenKlee: Kannst du uns schon ein paar Details von dem erzählen was die BesucherInnen am ESBG 2019 erwarten wird?

Herbert Gruber: Wie alle zwei Jahre – 4 Tage Vorträge und Präsentationen, Hands-on-Workshops, Innovationen, Ideen, Austausch und eine wunderbare Gegend. Todmorden klingt ja irgendwie furchteinflößend, liegt aber äußerst idyllisch in der englischen Grafschaft West-Yorkshire. Alle, die sich in Europa mit dem Strohballenbau beschäftigen, werden dort sein. Ich natürlich auch mit 2 Vorträgen. Das ESBG findet übrigens von 15.-18. August statt.

SonnenKlee: Was möchtest du unseren Strohbau-interessierten Leserinnen sonst noch mitgeben?

Herbert Gruber: Habt Mut, Euer eigenes Leben wieder in Eure eigene Hand zu nehmen. Der Strohballenbau ist dabei eine von vielen Möglichkeiten. Protestieren ist super, aber Tun ist noch besser.

Lieber Herbert, vielen Dank für das sehr interessante Gespräch!

Links:

 

Interview mit Wouter Klijn – Strohbau-Verband Niederlande

Interview mit Wouter Klijn – Strohbau-Verband Niederlande

Auch in den Niederlanden findet Bauen mit Stroh immer mehr Anhänger. Einer der treibenden Kräfte im Niederländischen Strohbau ist Wouter Klijn. Er engagiert sich beim Niederländischen Strohbau-Verband (Strobouw Nederland) und ist auch beratend für verschiedene Projekte tätig. Strobouw Nederland ist Projektpartner des derzeit laufenden, EU-geförderten Interreg-Projektes UP STRAW, in das Wouter ebenfalls involviert ist. Im Mai war Wouter im Zuge eines Österreichbesuchs auch bei uns in Abetzdorf, um unsere SonnenKlee Baustroh-Produktion zu besichtigen. Wir freuen uns, dass er heute unserer Einladung zu einem Interview nachgekommen ist und uns mit aktuellen Informationen aus den Niederlanden versorgt.

SonnenKlee: Hallo Wouter, bitte stell dich unseren Lesern kurz vor und sag uns auch wie du zum Thema Bauen mit Stroh gekommen bist?

Wouter Klijn: Seit der Gründung im Jahr 2010 bin ich Mitglied im Strohbau-Verband Niederlande und in dem Verein konzentriere ich mich hauptsächlich auf die technische Seite des Bauens mit Stroh, auf die internationale Zusammenarbeit und auf den Austausch von Wissen und Unterricht im Strohbau.

Vor mehr als 20 Jahren, bekam ich von meiner Mutter einen Strohlehm-Kurs. Es war ein Tag Theorie in Utrecht und eine Wochenendhilfe für ein Strohlehm-Projekt in Belgien. Es war ein sehr schönes Geschenk und die Materialen haben mich beeindruckt, aber ich musste auch feststellen, dass dies nicht wirklich meine Art zu bauen war.

Etwa 10 Jahre später war ich an einem Verein beteiligt, der gemeinsam eine nachhaltige Nachbarschaft aufbauen wollte und dabei war Bauen mit Stroh wieder ein Thema. Aber diesmal waren es Strohballen die zum Einsatz kommen sollten. Ich war dann 5 Tage auf dem “European Strawbale Gathering 2009” (ESBG) in Riemst/Belgien und das war der große Wendepunkt für mich. In den folgenden 9 Jahren kam immer mehr Stroh in mein Leben. Ich hatte immer weniger Zeit für meinen Chef zu arbeiten und vor drei Jahren habe ich dann aufgehört als Projektmanager im Industriebau und seitdem widme ich jetzt den Großteil meiner Zeit dem Verein und gelegentlich arbeite ich auch als beaufsichtigender Berater bei Strohbauprojekten für Architekt, Bauunternehmer oder andere Auftraggeber.

SonnenKlee: Kannst du uns bitte kurz erklären was das Interreg-Projekt UP STRAW ist und wie es entstanden ist?

Wouter Klijn: UP STRAW ist eine Partnerschaft mit 8 Partnern aus 5 Ländern (UK, BE, FR, DE, NL) und gemeinsam werden wir den professionellen / öffentlichen Strohbau einen Schritt weiterbringen. Wir wollen erreichen, dass Stroh zur Errichtung von Gebäuden mehr Anwendung findet und dafür möchten wir folgende Ziele erreichen: Wissen verbreiten, Fachleute ausbilden, den Markt simulieren und fünf Projekte umsetzen. Die fünf Beispielprojekte werden in Hastings-UK, Tilburg-NL, Namur-BE, Montargis-FR und Plankstetten-DE realisiert.

Zur Entstehung des Projekts UP STRAW müssen wir 3 Jahre zurückgehen. Im Jahr 2015 wurde nach sechs Jahren erfolgreicher europäischer Zusammenarbeit die Ausbildung zur Strohbau-Fachkraft etabliert. Dabei hat sich gezeigt, dass die internationale Zusammenarbeit sehr wertvoll ist und dabei entstand der Plan, einen Europäischen Strohbauverband (ESBA – European Straw Building Association) zu gründen. Die noch bessere Zusammenarbeit innerhalb Europas erleichterte auch die Gründung internationaler Projekte und UP STRAW war eines der ersten europäischen Erfolge seit der Gründung von ESBA.

UP STRAW ist eine Partnerschaft mit einer Interreg-Mitfinanzierung. Das Zusammenbringen einer relativ großen Anzahl an kleineren Organisationen für Interreg war kein leichter Weg aber nach Ups and Downs fing das Projekt schließlich doch an erfolgreich zu laufen.

SonnenKlee: Der Niederländischen Strohbau-Verband (Strobouw Nederland) ist ja eine der Partnerorganisationen von UP STRAW. Was wurde im Rahmen der Partnerschaft schon alles realisiert und welche Pläne habt ihr noch bis zum Ende des Programms 2020?

Wouter Klijn: Wie schon erwähnt werden die 8 Partner Beispielprojekte in 5 Ländern realisieren. In den Niederlanden ist es eine Investition der Stadt Tilburg in die Renovierung einer Sporthalle. Zu diesem Zweck wurde ein Entwurf erstellt, der Flächennutzungsplan wurde angepasst, der Genehmigungsausschuss hat zugestimmt und nun folgt noch die Ausschreibung. Neben den fünf Investitionsprojekten gibt es eine Reihe von Themen, an denen auch gemeinsam gearbeitet wird:

– Ausbildung im Strohbau für Studenten und Profis,
– Erstellung einer Datenbank mit den wichtigsten Studien im Bereich Bauen mit Stroh,
– Entwicklung von CO2- und LCA-Berechnungsmethoden, um die Auswirkungen der Strohstruktur deutlich sichtbar / vergleichbar zu machen
– BIM-Modelle für Strohbau,
– Durchführung von Marktanalysen,
– Arbeiten an der Zukunft von Stroh in Ballenform für Strohbau,
– Projektkommunikation und Übertragung des UP STRAW Projektes an die European Strobouw Association (ESBA).
Viele dieser Themen laufen bereits und manche sind noch in Vorbereitung. Näheres findet man auch im Internet unter folgendem Link.

SonnenKlee: Gibt es sonst noch interessante Strohbau-Projekte in den Niederlanden, die du kennst oder in die du vielleicht auch involviert bist?

Wouter Klijn: Das Beispielprojekt der Gemeinde Tilburg ist natürlich ein besonderes Projekt. Erstens, weil es sich um die Renovierung eines öffentlichen Gebäudes handelt. Zweitens, weil es ein großes Projekt mit mehr als 1.200 m² Stroh in der Fassade und im Dach ist. Und mit diesem Projekt versuchen wir auch den Schritt vom Fertigstroh zu Einblasstroh zu machen.

Andere Projekte, die ich erwähnen möchte, wären folgende:

Eine erdbebensichere Strohkonstruktion in den Niederlanden.
PrefabStrobouw fertigt in den letzten Jahren auch vorgefertigte Stroh Paneele in den Niederlanden. Derzeit werden ihre Paneele ebenfalls getestet und als „Innovationsfassade“ im BINK (BuildinG Innovation NetworK) gezeigt. Dies ist Teil eines Konstruktionsinnovationszentrums. Das „Building Innovation Center North Netherlands“ beschäftigt sich mit immer wieder auftretenden Erdbeben, die im Norden der Niederlande aufgrund der jahrzehntelangen Gasproduktion entstanden.

Die Firma StrawblocksSystems stellt Strohpaneele für den professionellen Bau her.
Sie tun dies auch mit minimalem Einsatz von Holz und maximaler Strohoberfläche. Die Paneele sind an die Art der jeweiligen Verarbeitung angepasst (mit Polsterung oder Stuck). Ein schönes Beispiel ist ein Yoga-Zentrum in Sterksel.

Das Projekt von OrioArchitecten ist bereits weit fortgeschritten mit den notwendigen Genehmigungen für ein selbsttragendes Projekt mit Earthship aus Holz und Stroh Bei dem interessanten Projekt soll auch eine RFS (Reciprocal Frame Structure) verwendet werden.

Und ich selbst bin an der Konstruktion eines Bio-Architektur-Designs von Michael Rice beteiligt. Dieser Bau wird in der Nähe von Amsterdam realisiert. Es ist ein Design in einem Traum geschaffen. Mit den Stroharbeiten müssen wir schon im Frühjahr 2019 beginnen.

 

SonnenKlee: Die Strohbau-Community lebt ja bekanntlich vom gegenseitigen Austausch, kannst du uns vielleicht ein paar interessante nationale oder auch internationale Events nennen, die in der nächsten Zeit stattfinden werden?

Wouter Klijn: In den Niederlanden ist die wichtigste Messe die „De Bouwbeurs 2019“. Die Veranstaltung ist vom 4. bis 8. Februar 2019 in Utrecht. Die Messe findet jedes zweite Jahr statt und für die Niederlande ist sie die einzige große Messe in der Baubranche.
Der Verein Strobouw Nederland wird auch hier anwesend sein. Es wird eine lange Straße mit verschiedenen Strohbautechniken / Produkten und einem Stand mit allen möglichen Strohbau verwandte Produkten geben: Ausbau, Installationen, etc.
Und 2019 gibt es auch eine ESBG (European StrawBale Gathering). Diesmal findet diese zweijährliche Veranstaltung in Großbritannien statt. Der Ort ist noch nicht fix aber möglicherweise wird das Netzwerktreffen in der Nähe von Hastings stattfinden. Das ESBG ist ein mehrtägiges Treffen von vielen europäischen Fachleuten im Bereich von Bauen mit Stroh und den damit verbundenen Techniken.

Im Jahr 2017 war die ESBG in Venedig und man kann hier darüber nachlesen.

SonnenKlee: Wie viele Strohhäuser gibt es in den Niederlanden schon und wie denkst du wird sich der Strohbau in den nächsten Jahren entwickeln?

Wouter Klijn: In den Niederlanden gibt es etwa 150 Strohprojekte.
In den letzten Jahren haben wir gesehen, dass der Strohbau immer unabhängiger wird. In den ersten Jahren ging ein großer Teil der Entwicklung, oder die Information darüber, über unseren Strohbau-Verein. In letzter Zeit tauchen immer mehr unbekannte Projekte auf, bei denen kein Kontakt oder keine Informationen durch den Verein entstanden sind.
Ich persönlich glaube, dass es derzeit wirklich eine Chance gibt, dass sich der Strohbau in die Breite entwickelt. Das erfordert einiges an Anstrengung, nicht nur bezüglich Regulierungen, die dem klimagerechten Bauen mehr Raum geben sollen, sondern es bedarf auch Unterstützung mit den richtigen Informationen für alle Beteiligten. Außerdem braucht es noch mehr inspirierende Beispiele und auch Organisationen, die es wagen mit Strohbau neue Wege zu gehen.

SonnenKlee: Was wäre deiner Meinung nach wichtig, damit klimaschonendes Bauen und Dämmen mit Stroh öfter zur Anwendung kommt?

Wouter Klijn: Zahlen Daten und Fakten sind nicht genug. Eine Tonne Stroh hält 1,5 Tonnen CO2 für mehr als die Lebensdauer eines Gebäudes aus der Atmosphäre. Besseres Bauen ist kaum möglich. Stroh als Baumaterial zu einer guten Alternative zu machen, erfordert viel mehr. Der Bau ist kein innovativer Sektor. Der Strohbau hat also großen Widerstand aufgrund von Informationsmangel und Vorurteilen.
Bauen mit Stroh muss selbstverständlich werden. Dabei ist es wichtig, im Voraus mit klaren und leicht zugänglichen WIE- und WARUM-Informationen den Zugang zu erleichtern.
Und dann komme ich noch zur richtigen Herangehensweise. In der amerikanischen Typologie der Strohbauweise stoße ich oft auf den Begriff „Schlamm und Stroh“. Dies scheint mir im professionellen Strohbau kein brauchbares Bild zu sein. Das ist nur in einer ganz speziellen enthusiastischen Welt gut.

SonnenKlee: Ist die Zeit jetzt reif für einen nächsten großen Fortschritt im Strohbau?

Wouter Klijn: Ich denke, die Chancen sind klar. Aber es ist kein Prozess, der selbstverständlich ist. Es braucht das richtige Management. Darüber hinaus denke ich, dass es auch eine große Herausforderung ist, zuerst die „richtige Richtung“ zu finden und sie dann effektiv anwenden zu können.
Das geschieht nicht von heute auf morgen. Ein großer Schritt nach vorn erfordert die notwendige Synchronisierung von Angebot und Nachfrage in den Bereichen Ausbildung, Marketing, Versorgung, Regulierung usw.

In diesem Zusammenhang sehe ich auch, dass es in vielen Projekten immer noch eine Herausforderung ist, den richtigen Strohballen zu finden. Wo kann man gutes Stroh kaufen? Welche Anforderungen muss es auf ein Minimum erfüllen? Welche Dimensionen sind verfügbar? Ist das Stroh ohne Pestizide? Kann es organisch sein? Was sind die Kosten?  Wie koordiniere ich Projekt und Lieferung?  Und was ist mit der Zertifizierung und wofür brauche ich sie?
Landwirte und Akteure der Baubranche müssen sich finden und sich gegenseitig unterstützen. Das sehe ich auch als eine sehr wichtige Aufgabe für unseren Strohbauverein.

 

SonnenKlee: Was möchtest du unseren Strohbau-Interessierten Leserinnen sonst noch mitgeben?

Wouter Klijn: – Manchmal schaue ich gerne aus größerer Distanz auf den Verlauf des Geschehens: Jede Bautechnik kann auf verschiedene Arten angewendet werden. Wir sind alle frei, aber die Auswahl ist begrenzt. Ich sehe dann 3 Möglichkeiten:
– Vergiss es und tu es nie wieder – mach es wie seit Jahren – tu auf eine neue Art und Weise.

Mit Stroh bauen, anders als bisher, das ist die größte Herausforderung für mich. Und dabei geht es nicht nur ums „machen“, sondern ums „verstehen“.

Etwas anders machen als bisher, das tun wir ständig, oft ohne es zu sehen und zu wissen.
Erkennen und verstehen, dass wir etwas anderes machen, das erfordert im Bauwesen über die bekannten Rahmenbedingungen hinauszugehen und sich mit dem Material neu zu befassen. Es geht darum alte Methoden los zu lassen. Aber womit hast du noch etwas zu tun? Nichts. Das ist schwierig.

Ich helfe mir dabei zum Beispiel, indem ich versuche in die Eigenschaften des Materials selbst hineinzusehen. Wie verhält sich Stroh tatsächlich?
Was macht die Wärmeleitung manchmal unabhängig von der Dichte? Was passiert, wenn Kondensation in der Luft zwischen den Strohteilen und im Stroh selbst auftritt? Wie beginnt die Selbstentzündung in einer Strohmasse und unter welchen Bedingungen? Wie würde ich ein Problem lösen, wenn ich der Strohhalm wäre?

Stroh ist ein schönes Material für mich. Im Laufe der Zeit war es immer ein nützliches Material für unsere sich ständig ändernden Umstände: Mangel an Holz, Geldmangel, Bedürfnis nach Natürlichkeit, Aufmerksamkeit für Gesundheit, Wunsch nach Komfort, Notwendigkeit, CO2 zu beseitigen, erschöpfende Rohstoffe und  und und … die Zukunft wird noch viel mehr dazu beitragen das Stroh als Baumaterial eingesetzt wird.

Think like straw, don’t put it in your head!

Lieber Wouter, vielen Dank für das sehr interessante Interviewgespräch.

 

 

 

Jürgen Herler (Biologe) im Interview

Jürgen Herler (Biologe) im Interview

Einer der Gründe warum hierzulande noch nicht mehr Häuser mit Stroh gebaut werden, ist ein großes Informationsdefizit. Um mehr Menschen das Thema nahe zu bringen, sind Referenzprojekte notwendig, die zeigen, dass bauen mit Stroh funktioniert. Jürgen Herler ist einer der schon sehr früh die Vorteile von Stroh als Baumaterial erkannt hat und er hat sein eigenes Haus in dieser vorbildlich nachhaltigen Weise errichtet. Als Ökologe weiß er genau warum es Sinn macht mit Stroh zu bauen und als Bewohner beweist er täglich, dass das Konzept Strohhaus in der Praxis taugt. Wir haben ihn heute zum Interview eingeladen.

Strohballenhaus Herler im Wienerwald

SonnenKlee: Hallo Jürgen, bitte erzähle uns kurz, wer du bist und was du machst.

Jürgen Herler: Hallo. Ich bin von meiner Ausbildung her Biologe und habe 15 Jahren in der Meeresforschung gearbeitet. Vor 3 Jahren habe ich ein Unternehmen für vertikale, essbare Begrünungen gegründet. Vor 4 Jahren haben wir ein strohgedämmtes Holzständerhaus im Wienerwald gebaut, in dem es sich hervorragend lebt.

 

SonnenKlee: Warum hast du dein Haus mit Stroh gebaut?

Jürgen Herler: Weil ich als Biologe immer den

ökologischen Stoffen und biologischen Kreisläufen den Vorzug gebe, da sie keine negativen Umweltfolgen nach sich ziehen. Stroh hat einen kurzen turn-over, muss nicht eigens angebaut werden und hat auch noch hervorragende Dämmeigenschaften. Ein wunderbarer Dämmstoff.

SonnenKlee: Kannst du uns als Biologe/Ökologe vielleicht sagen warum es Sinn macht Häuser mit Stroh zu bauen?

Lehmputz in natur gehalten

 

Jürgen Herler: Es ist biogen, entsteht als Nebenprodukt in der Landwirtschaft, ist lokal verfügbar und hat beste Dämmeigenschaften. Somit gibt es keinen Baustoff mit vergleichbarer Ökobilanz und regionaler Wertschöpfung. Stroh als Dämmstoff löst daher viele Probleme simultan.

SonnenKlee: Bitte nenne uns noch ein paar Fakten aus dem echten Leben in einem mit Stroh gedämmten Haus?

Jürgen Herler: Tatsächlich funktioniert das Haus am besten im Winter, aber da Stroh auch eine sehr gute Wärmespeicherfähigkeit hat, bleibt es auch im Hochsommer recht kühl im Haus. Die Kombination mit Holz, Lehm und Flächenheizungen (Solar-, Holzofenkombination) ergibt eine einzigartige Lebensqualität. Das bestätigen uns auch laufende unsere Besucher, zu denen Bauherren, ArchitektInnen, Vereine und Umweltorganisationen gehören.

 

 

SonnenKlee: Worauf kommt es bei einem wirklich zukunftsträchtigen, verantwortungsbewussten und nachhaltigen Lebenskonzept an?

Jürgen Herler: Auf echte ökologische Konzepte. Lösungen, die möglichst wenige oder gar keine Folgeprobleme mit sich

Jürgen Herlers HERBIOS Vertikalgärten

bringen. Das Schlagwort heißt „nature-based solutions“. Dazu zähle ich im Baubereich vor allem biogene Baustoffe. Stroh kann hier eine große Rolle spielen. Neben dem Wohnbedürfnis ist aber vor allem auch unsere Ernährung wichtig. Diesem Thema gehe ich nun mit meinem Unternehmen Herbios nach, in dem ich Gebäude auch mittels Vertikalgärten „essbar“ machen möchte. Auch unser Strohhaus erhält derzeit eine biologische, essbare Hülle.

SonnenKlee: Was müsste deiner Meinung nach passieren, damit ein Umdenken in der Gesellschaft Platz greift und noch viel mehr Menschen sich für ein nachhaltiges Lebensmodell entscheiden?

Jürgen Herler: Echte Aufklärung zum Thema Ökologie von Baustoffen und mehr Mut für flexibles und reversibles Bauen mit biogenen Baustoffen. Wir bauen für Jahrhunderte, aber schon nach 30 oder 40 Jahren will keiner mehr die „alten“ Häuser. Daher müssen wir uns auch mehr über die Entsorgung unserer Gebäude Gedanken machen. Ökobilanzen sollten ernster genommen werden. In Zeiten des Klimawandels und Artensterbens braucht es einen massiven Strukturwandel in unseren Grundbedürfnissen Wohnen und Ernährung.

SonnenKlee: Würdest du die Bauweise mit Stroh anderen Menschen weiterempfehlen und wenn ja, warum?

Strohaus der Familie Herler

Jürgen Herler: Natürlich. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Klimawerte und Ökobilanz von Stroh sind großartig. Vor allem in Kombination mit Holz und Lehm. Ich möchte die Frage daher umdrehen: warum baut man eigentlich mit anderen Materialien, wenn es auch mit Stroh und Holz geht?

SonnenKlee: Was möchtest du unseren Lesern und Leserinnen sonst noch gerne mitgeben?

Jürgen Herler: Mehr Mut bei der Entscheidung zum Bauen mit biogenen Baustoffen und mehr Vertrauen in die Natur. Die Lösungen sind viel einfacher, als es uns eine technisch hochentwickelte Gesellschaft und Wirtschaft suggeriert. Wichtig ist die Information durch fachlich kompetente Bauberater. Diese werden glücklicherweise laufend mehr. Und bestehende Häuser besuchen. Auch unser Haus steht Besuchern offen, die sich durch unser glückliches Leben in einem Strohhaus stimulieren lassen möchten, ebenfalls ein biologisches Haus für sich oder andere zu bauen.

SonnenKlee: Lieber Jürgen, wir danken dir für das interessante Interviewgespräch!

Jürgen Herler: Sehr gerne! Viel Spaß und Erfolg beim weiteren Umsetzen ökologisch nachhaltiger Bauwerke.

 

Links:

Fotos: Jürgen Herler

Abt Petrus vom Stift Seitenstetten im Interview

Abt Petrus vom Stift Seitenstetten im Interview

Vor rund zweieinhalb Jahren hat der damals noch frisch im Amt befindliche Papst Franziskus in seiner Umweltenzyklika zur ökologischen Umkehr aufgerufen. In seiner Stellungnahme ruft der Papst zur Umkehr auf, um die Umweltzerstörung und den Klimawandel, verursacht durch grenzenlosen Konsum und rücksichtsloses Verhalten zu stoppen. Die Kirche greift damit ein für uns absolut überlebenswichtiges Zukunftsthema auf. Wir haben Abt Petrus vom Stift Seitenstetten über das Leben und Wirtschaften im Stift befragt.

SonnenKlee: Können Sie uns erzählen wie ein typischer Tagesablauf als Abt des Benediktiner Stifts Seitenstetten aussieht und was die wichtigsten Aufgaben dieser Funktion sind?

Abt Petrus:  Der typische Arbeitstag ist gegliedert durch das Chorgebet: Wir beten um 6.00 Uhr früh, mittags und abends. Dazwischen gibt´s Arbeit und jede Menge Termine wahrzunehmen. Das geht vom Unterricht in der Schule über Gespräche mit Mitbrüdern, Mitarbeitern und Gästen zu Sitzungen und Vorbereiten von Predigten sowie Vorträgen. Gemeinsam essen wir zu Mittag und am Abend. Am Abend gibt es immer wieder mal auch Veranstaltungen zu besuchen. In der Regel endet der Tag um ca. 22.30 Uhr.

Die wichtigste Aufgabe als Abt ist es, das Kloster als einen geistlichen Ort zu prägen. Das Stift ist ja primär kein Wirtschaftsbetrieb, sondern ein geistliches Haus. Daher ist die erste Aufgabe, der Klostergemeinschaft ein guter Abt sein, die Gemeinschaft zusammenzuhalten, der Eigenart vieler dienen und letztlich vorbildhaft als Mönch zu leben! Das Schwierigste ist Vorbild sein.

SonnenKlee: Würden Sie uns kurz beschreiben was das Stift Seitenstetten alles zu bieten hat?

Abt Petrus:   Wir verstehen uns primär als geistliches Haus. Wir betreiben gemeinsam mit der Diözese ein Bildungshaus. In unserem Gästetrakt können bis zu 30 Personen übernachten. Wir sind auch ein Wirtschaftsbetrieb mit rd. 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Wir haben 14 Pfarreien zu betreuen, führen ein Stiftsgymnasium mit ca. 430 Schülerinnen und Schülern und im Schacherhof begleitet ein Mitbruder die kirchliche Jugendarbeit im Mostviertel.

SonnenKlee: Wie lässt sich das geistliche Amt des Abtes mit all der Verantwortung für die verschiedenen wirtschaftlichen Unternehmungen des Stifts Seitenstetten vereinbaren?

Abt Petrus: Das erlebe ich als eine sehr schwere Herausforderung. Ich hatte bis zu meinem Amtsantritt als Abt mit Wirtschaft praktisch nichts zu tun. Als Stiftung haben wir Grund und Boden von unseren Gründern erhalten, damit wir diese für Bildung und Seelsorge einsetzen. Es gilt damit so zu wirtschaften, dass wir vom Ertrag und nicht von der Substanz dieser Stiftung gut arbeiten können!

SonnenKlee: Wie werden im Stift Seitenstetten wichtige Entscheidungen getroffen?

Abt Petrus: Die Regel des Hl. Benedikt und die Konstitutionen der Österreichischen Benediktinerkongregation sehen vor, dass in wichtigen Fragen der Rat bzw. die Zustimmung des Seniorenrates einzuholen ist. Bei wichtigen Personalfragen und gravierenden wirtschaftlichen Entscheidungen muss in der Gemeinschaft abgestimmt werden.

SonnenKlee: Im Sommer 2015 hat Papst Franziskus in der Umweltenzyklika zum Energie- und Wassersparen und auch zum Bäume pflanzen aufgerufen. Konnten Sie diesbezüglich innerhalb ihres Wirkungsbereichs bereits Verhaltensänderungen beobachten?

Abt Petrus: Was Bäume pflanzen betrifft weiß ich, dass wir in unserem Forst jährlich sehr viele Bäume pflanzen. Vor allem gibt es in unserem Waldgebiet einige „Forschungsflächen“ wo auch Versuchspflanzungen gemacht werden. Im Stift wird zum Teil nur Nutzwasser für die Toiletten verwendet. Wir haben eine neue, energiesparende Steuerung in unserer Heizanlage eingebaut und den Dachboden im Westtrakt des Meierhofes gedämmt.

SonnenKlee: Die Kirche ist ja auch ein erfolgreiches wirtschaftliches Unternehmen mit sehr langem Bestand. Was könnten heutige Unternehmen über nachhaltiges und generationenübergreifendes Wirtschaften von der Kirche lernen?

Abt Petrus: Am Wichtigsten ist, dass sich die Menschen in einem Betrieb wohl fühlen und sich damit gut identifizieren können. Man arbeitet und wirtschaftet ja nicht für sich selbst, sondern weil wir eine Sendung, einen Auftrag haben. Letztlich haben alle, vom Abt bis zum jüngsten Mitarbeiter, teil an dieser Sendung. Von manchen Mitarbeitern arbeiten schon mehrere Generationen in unserem Haus.

SonnenKlee: Viele Menschen sagen, sie könnten es sich heutzutage nicht mehr leisten auf zukünftige Generationen Rücksicht zu nehmen. Sie würden sonst in dem heute vorherrschenden, so schnellen System  untergehen. Was können Sie dem entgegnen?

Abt Petrus: Das hängt davon ab, was man erreichen möchte, hohen Lebensstandard oder hohe Lebensqualität. Hohen Lebensstandard halten oder gar noch steigern, kann verdammt anstrengend sein. Da kommt man leicht unter die Räder. Die Konkurrenz im Kampf um Wachstumsraten kann erbarmungslos sein. Steigerung der Lebensqualität kann man dagegen auf sehr vielfältige Wege erreichen. Familie, Kinder, Glaube, Freunde, Musik, Kunst, Kultur, Engagement in Gesellschaft, Vereinen und Kirche, und vieles andere mehr kann hohes Lebensglück und Lebensqualität bedeuten. Leben ist nicht mehr haben, sondern mehr sein und da sein für andere.

SonnenKlee: Was würden Sie unseren Lesern sonst noch gerne mit auf den Weg geben?

Abt Petrus: Willst du wahres und unvergängliches Leben finden – dann vertiefe es und reize es nicht aus.

Lieber Abt Petrus, wir danken für das interessante Gespräch!