Herbert Grubers Mission ist Bauen mit Stroh und er ist in Österreich sowie auch international an zahlreichen Projekten beteiligt. Ob STEP, ein Lehrgang für Strohballenbau, Vivihouse, das erste offen lizenzierte Modulbausystem für mehrgeschossigen Strohballenbau, oder seine Virtuelle Baustelle in Ravelsbach, Herbert ist ständig am Netzwerken und er treibt seit gut zwanzig Jahren den Strohbau nicht nur in Österreich voran. Sein umfassendes Wissen über den Strohbau aus seiner langjährigen Praxis, teilt er heuer auch auf dem in England stattfindenden ESBG 2019 (European Staw Bale Gathering). Wir freuen uns sehr, dass er uns heute ein Interview gibt.

SonnenKlee: Herbert, wie bist du eigentlich zum Strohbau gekommen?

Herbert Gruber: Das war einer der glücklichen Zufälle in meinem Leben. Ich war zu der Zeit – 1998 – Herausgeber eines Öko- und Baubiologie-Magazins und zu einem Event eingeladen, das Günther Höchtl am Wachtberg in NÖ veranstaltete. Strohballen, die zu einer temporären Bleibe in Dieter Grafs Kunst in der Landschaft-Areal aufgeschichtet wurden, bildeten den Rahmen für das Fest. Die Idee war, zu zeigen, mit wie wenig (Ressourcen, Material, Technik, Budget) ein gemütliches, wohngesundes Dach über dem Kopf errichtet werden kann. Ein paar Rundholzstämme, eine Glasplatte als schräger Wintergarten, Lehmputz und eine Dämmung aus Strohballen, die hier als Wandbausteine wie Ziegel Wände und Dach ausfachten. Und eine Folie fürs Dach. Architektonisch wunderbar simpel, aber gerade deshalb überzeugend. Dass wir das als erstes Strohballenhaus Österreichs bezeichnet haben, war natürlich vermessen. Kein Fundament, keine Haustechnik, nicht einmal eine Haustüre. Es war bewusst so konzipiert, dass es keine bleibenden Eingriffe in die Natur hinterlässt und begann eigentlich schon vom ersten Tag an, sich gemäß dem Cradle-to-Cradle-Prinzip (Kreislaufgedanken) wieder zu Natur zurück zu wandeln.

SonnenKlee: Was fasziniert dich so an dem Baumaterial Stroh?

Dieses kleine „Landschafts-Kunstwerk“ war der Anlass darüber nachzudenken, ob manfrau mit den Strohballen nicht mehr machen könnte. Und ob niemand anderer bisher auf die ziemlich einleuchtende Idee kam, Strohballen als gut isolierende Wandbausteine zu verwenden. Günstig, lokal verfügbar, leicht zu verputzen, stabil genug, um ein Haus zu tragen, natürlich aus nachwachsenden Rohstoffen und gesund und CO2-einsparend. Das Haus vom Acker also, wie wir damals zu sagen pflegten. Und was das Beste war: die Technik schien so einfach wie mit Lego zu spielen. Diese ganze Diskussion um smarte, passive, technikverliebte Häuser, die uns sogar das Denken abnehmen, und die damals bereits voll in Gang war, wurde im Strohballenbau auf eine Einfachheit reduziert, die alle plötzlich wieder verstanden, die alle lernen konnten, die Inklusion und Partizipation im Baugeschehen versprach. Und Empowerment – schlecht übersetzt also Selbstermächtigung. Das, was uns durch Technik, Normen, Lobbys, echte und falsche Sicherheiten, aber vor allem durch die Baustoffindustrie, die natürlich auf Patente setzen muss, um Geschäfte zu machen, zu liberalisieren. Wieder in die Hände der Baufamilien, Planer und Handwerker zu legen. Open Source eben – übrigens bis heute ein ziemlich eiserner Grundsatz der Strohballenbaubewegung. Ausprobieren, teilen, kommentieren, verbessern, teilen, kommentieren, verbessern. Das ist die Triebfeder des Strohballenbaus. Wer immer eine gute Idee hat, teilt sie und erhält wertvolles Feedback. So hat die Monopolisierung und Aneignung durch einzelne da kaum eine Chance. Zugleich ist das der immens starke Innovationsmotor dieser Bauweise. Patente behindern ja üblicherweise Innovationen.

SonnenKlee: Und es kam niemand vorher auf diese Idee?

Herbert Gruber: Nicht in Österreich, soviel ich weiß. Aber natürlich war die Idee so alt wie die Strohballenpressen, die um 1870 erfunden wurden. Nur sie verbreitete sich damals eigentlich nur im englischsprachigen Raum und in der Permakulturbewegung. In der Bücherei fand ich das amerikanische Buch „The Straw Bale House“, die damalige Bibel des Strohballenbaus (Steen/Steen/Bainbridge). Als ich das las, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Wir hatten 7 Jahre über Baubiologie geschrieben und von einer der einfachsten und nachhaltigsten Art, Häuser zu bauen, nie vorher gehört. Für alle Jüngeren möchte ich erinnern, dass damals „googlen“ nicht möglich war, das durchsuchbare Internet war gerade im Entstehen. Also ab nach Dänemark, wo das zweite ESBG (Europäisches Strohballen Treffen) stattfand, mit gerade mal 20 Teilnehmerinnen, aber unterstützt von zwei amerikanischen Veteranen des Strohballenbaus: Matts Myhrman und David Eisenberg. Das war dann auch die Geburtsstunde des ASBN, des Österreichischen Netzwerks für Strohballenbau.

SonnenKlee: In den letzten Jahren gibt es immer mehr Menschen die beim großen Spiel „höher, schneller, weiter“ nicht mehr mitmachen wollen und nach Alternativen suchen. Ist Bauen mit Stroh ein möglicher Weg für ein besseres Leben?

Herbert Gruber: Ich denke ja. In Zeiten des Klimawandels suchen doch alle nach Alternativen, nach Wegen aus unserem selbst verursachten Dilemma. Einer dieser Wege ist der Strohballenbau. Ein anderer ist Inklusion, Mitbestimmung. Erst wenn ich etwas verstehe, kann ich auch dafür sein. Ich kann selbst etwas dazu beitragen, diese Welt wieder ein Stück durchschaubarer, natürlicher, ressourcenschonender und energiesparender zu machen. Das ist jetzt natürlich sehr einfach gedacht. Die verdichtete Bauweise, die urbanen Ballungszentren, die Mehrfamilienhäuser sparen ja enorme Mengen an Energie und Ressourcen, vor allem durch Synergien. Aber bei all diesen Effizienzbestrebungen ist uns einiges essenziell Menschliches abhandengekommen: die Mitbestimmung, die Durchschaubarkeit, das Mittun. Wir werden bei diesem bigger-better-faster Getue geistig enteignet. Wir berauben uns der Schwarm-Intelligenz. Wir haben die wichtigsten Entscheidungen im Leben, wie wir klima- und menschengerecht Wohnen und möglichst friedlich miteinander leben können, an Firmen und Vorstandschefs abgegeben, die eigentlich ein anderes Interesse verfolgen: ihr eigenes Geschäft. Dabei haben wir Heimat verloren, das fällt uns jetzt auf den Kopf. Heimat ist ja nicht bloß das Geburtsland, es ist eigentlich das, dem wir uns verbunden fühlen. Diese Verbindung will der Strohballenbau wieder herstellen. Der Strohballenbau ist also durchaus populistisch (lacht).

SonnenKlee: Du machst ja sehr viele Seminare und Workshops zum Thema Bauen mit Stroh. Was sind die wichtigsten Gründe, warum Menschen in die Seminare kommen und wovon profitieren sie schlussendlich am meisten?

Herbert Gruber: Hier geht es in erster Linie um das Verstehen von Zusammenhängen. Wie hängt gutes, solides Bauen für Generationen mit Bauphysik, mit guter Architektur zusammen. Es geht um Sicherheit, um Argumente. Jede Baufirma erzählt uns, wie gut ihr eigenes Produkt ist und was für einen Schwachsinn die anderen machen. Die Bauphysik ist ja kein Mysterium. Ein paar handfeste Fakten und ich gehe denen nicht mehr auf den Leim. Und natürlich geht es in einer Welt, in dem immer mehr Menschen täglich ihre Arbeit vor dem Computerbildschirm verbringen, um das Tun. Mal Anpacken, mal mit Lehm herumpantschen. Mal was Bauen. Da werden durchaus Kindheitserinnerungen wach. Aber das Arbeiten mit den eigenen Händen ist einfach so befriedigend. Die Zeit vergeht viel langsamer, zugleich geht oft viel mehr weiter. Da entsteht etwas – gemeinsam. Wir leben zwar immer mehr als Single, aber eigentlich mehr aus Angst. Das entspricht uns als Mensch eigentlich gar nicht. Wir vereinsamen. Der Strohballenbau ist bei uns immer auch eine Community-Sache. Wir bringen Menschen nicht nur Techniken und Tricks bei, machen sie sicherer in ihren künftigen Entscheidungen, helfen ihnen, Fehler zu vermeiden, wir bringen sie auch zusammen. Sie tauschen sich untereinander aus, helfen einander. Dieses Miteinander hält oft sehr lange nach den Workshops an. Sie lernen Gleichgesinnte kennen. Freunde. Wir könnten eigentlich eine Partnervermittlung aufmachen (lacht wieder).

SonnenKlee: Kannst du uns kurz erklären was eine Strohbau Fachkraft ist und wie viele ausgebildete es in Europa und in Österreich bereits gibt. Wo kann ich sie finden, wenn ich ein Stroh-Projekt plane?

Herbert Gruber: Während es bei unseren Schnupperworkshops ums Mitmachen und um die Grundregeln des Bauens und der Bauphysik geht, geht es im 8-monatigen STEP-Kurs (Strohbau-Training für Europäische Professionisten) ans Eingemachte. Menschen, die den Strohballenbau und was alles dazu gehört, ein natürliches, nachhaltiges, energiesparendes Haus zu bauen, als Beruf ausüben wollen, brauchen natürlich viel mehr Informationen. Sie müssen vor allem auch alle möglichen Fehlerquellen kennen und vermeiden können. Sie sollten dann ja selbst entscheiden können, was falsch und was richtig ist. Sie tragen Verantwortung nicht nur für sich selbst, auch für andere und deren Ersparnisse. Moralisch wie legistisch. Baue ich selbst mit, kann ich immer eine Fachfrau oder einen Fachmann fragen. Baue ich selbst, sollte ich das selbst wissen. Oder zumindest sollte ich wissen, wo ich nachschauen kann. Diese Möglichkeit der fundierten Ausbildung bieten wir seit 2017 an. In Deutschland wird die Fachkraft Strohballenbau schon länger angeboten. Allerdings ist das ein etwas kürzerer, nicht so intensiver Kurs. Und bei uns gibt es Trainingsbaustellen. Unsere Trainees lernen also auch auf echten Baustellen ein Haus mit Strohballen, Hanf und Flachs zu dämmen, luft- und winddicht auszuführen, zu verputzen und Fehler zu vermeiden. Wir bilden also „zertifizierte Strohballenbauer“ aus, basierend auf dem Europäischen ECVET-System in Level 3 (mitverantwortlich) und Level 4 (eigenverantwortlich). Daneben bilden wir auch europaweit Trainer von Strohballen-Organisationen aus, die das STEP-Training in ihren eigenen Ländern anbieten wollen. Obwohl es dafür zahlreiche Fördermöglichkeiten wie Bildungskarenz, Umschulungsförderungen durch das AMS oder Europäische Programme wie Mobilities und Internships usw. gibt, ist die Teilnahme am STEP-Kurs schon auch eine Art Lebens- und Jobentscheidung für die eigene Zukunft. Derzeit gibt es 13 bereits zertifizierte, wovon die meisten mit uns in der Genossenschaft StrohNatur zusammen arbeiten und etwa 26 Teilnehmer*innen in Ausbildung. Demgegenüber haben bei unseren 3-Tages-Schnupper-Workshops mit je einem Tag Strohballen- und Lehmputz-Praxis an die 900 Teilnehmer*innen teilgenommen. Aber diese Kurse bieten wir auch schon seit 2008 an.

SonnenKlee: Open Source Konzepte setzen sich zunehmend auch im Baubereich durch, wie man zum Beispiel am Erdwärme & Ringgrabenkollektor sehen kann. Kannst du uns kurz das Open Source Vivihouse-Konzept beschreiben und welche Vorteile es für die/den Baufrau/-herren bietet?

Herbert Gruber: Mit diesem Projekt der TU Wien, gefördert vom FFG und klima+energie-fonds, bei dem wir als Partner für den Strohballenbau und das Training der Student*innen verantwortlich sind schließt sich der Kreis zum verdichteten, mehrgeschossigen, urbanen Wohnungsbau. Wir haben in diesem Projekt überlegt, welche Möglichkeiten der Partizipation es im urbanen Raum geben kann, welche Bauweisen sich eignen, um den doch erhöhten Brandschutz- und Schallschutzbestimmungen im Wohnungsbau zu entsprechen. Das Resultat waren 3 Generalentwürfe und Produktionsweisen, die Nikolas, Paul und Mikka vom ICP mit Unterstützung der Partner konzipiert und in einem Toolkit zusammengefasst haben. Neben dem Einsatz von nachwachsenden Rohstoffen wie Stroh und Holz und damit klimagerechtem, CO2-sparenden Bauen geht es hier um Partizipation und die damit verbundenen Einsparungen. Und natürlich um logistische Abläufe bei der Vorfertigung der Module. Denn mit vivihouse setzen wir – anders als im Einfamilienhausbau – auf Vorfertigung in der Halle. Ziel ist es, im Herbst 2019 ein mehrstöckiges Gebäude in Wien komplett mit Strohballendämmung zu errichten, dessen Module ziemlich komplett von Studenten gefertigt wurden. Die Tragkonstruktion, ein Holzskellettbau mit Stahlknoten wird von einer Zimmerei errichtet, die Haustechnik von einer Haustechnikfirma, also durchaus in Kooperation mit Baufirmen und Handwerkern.

SonnenKlee: Ist es vorstellbar, dass Stroh als Baumaterial vielleicht einmal zum Mainstream wird?

Herbert Gruber: Das kommt darauf an, wie man Mainstream definiert. Als etwas, worauf sich die meisten Menschen einigen können, dann haben wir den Mainstream eigentlich schon erreicht. Es gibt das Gerücht, dass in einigen Regionen in Frankreich überlegt wird, jeden Neubau eines Einfamilienhauses zwingend aus Stroh zu bauen. Das würde natürlich Sinn machen als Antwort auf die Klimaerwärmung. Dort gibt es aber auch bereits 7stöckige Strohballenhäuser, Schulen und Kindergärten in Strohbautechnik. Die politische Unterstützung ist dort auch viel größer, es gibt weniger Normen, die den Strohballenbau nach wie vor im größeren Maßstab behindern. Bei uns schreibt die Bauordnung (OIB-RL 2.1) vor: Bei Betriebsbauten … können auch Baustoffe aus Holz und Holzwerkstoffen der Klasse D verwendet werden, wobei gegebenenfalls verwendete Dämmstoffe der Klasse A2 entsprechen müssen. Was auf Deutsch heißt: Holzständerbauten, die in diese Klasse fallen, müssen mit mineralischen Dämmstoffen gedämmt werden, keine Chance für nachwachsende Rohstoffe. Es gilt also durchaus noch einige Hürden zu überwinden, bevor wir in diesem Sinne im Mainstream angekommen sind. Aber das kommt. So sicher wie der Klimawandel. Die Anfragen nach dieser nachhaltigen Bauweise steigen jedenfalls auch bei uns exponentiell. Will sagen: es wollen wesentlich mehr Menschen ein Strohballenhaus bauen, als wir Strohballenbauer überhaupt derzeit bauen können. Ich würde also sagen: das ist ein ziemlich zukunftssicherer Job. Und nach jedem Medienbericht über Strohballenhäuser, nach jedem Film, jeder Innovation in diesem Bereich, wächst und wächst die Zahl derer, die sich ein Strohballenhaus nicht nur vorstellen können sondern solch ein natürliches Haus auch bauen würden.

SonnenKlee: Kannst du uns schon ein paar Details von dem erzählen was die BesucherInnen am ESBG 2019 erwarten wird?

Herbert Gruber: Wie alle zwei Jahre – 4 Tage Vorträge und Präsentationen, Hands-on-Workshops, Innovationen, Ideen, Austausch und eine wunderbare Gegend. Todmorden klingt ja irgendwie furchteinflößend, liegt aber äußerst idyllisch in der englischen Grafschaft West-Yorkshire. Alle, die sich in Europa mit dem Strohballenbau beschäftigen, werden dort sein. Ich natürlich auch mit 2 Vorträgen. Das ESBG findet übrigens von 15.-18. August statt.

SonnenKlee: Was möchtest du unseren Strohbau-interessierten Leserinnen sonst noch mitgeben?

Herbert Gruber: Habt Mut, Euer eigenes Leben wieder in Eure eigene Hand zu nehmen. Der Strohballenbau ist dabei eine von vielen Möglichkeiten. Protestieren ist super, aber Tun ist noch besser.

Lieber Herbert, vielen Dank für das sehr interessante Gespräch!

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