Der Strohbau hat im letzten Jahr einiges an Schwung bekommen, und Benedikt Kaesberg hat vieles zur „Massentauglichkeit“ von Stroh als Baustoff beigetragen. Als Strohbau-Zimmerer, Gesellschafter der BauStroh GmbH und aktives Mitglied im Fachverband Strohballenbau Deutschland e.V. (FASBA) ist er ein Wissensträger im Strohballenbau. Wir haben ihn zum Interview eingeladen.

SonnenKlee: Hallo Benedikt, bitte stell dich kurz vor und erzähl uns bitte was du alles machst.

Benedikt Kaesberg: Ich bin sowohl Akademiker als auch Handwerker und beides integriert sich im Strohbau. Ich arbeite auf Baustellen, habe die bautechnische Anerkennung des Strohballenbaus in Deutschland mitentwickelt, bin Hersteller von Strohballen als Bauprodukt, auch als Autor tätig sowie im Strohbau inzwischen auch europäisch vernetzt.

SonnenKlee: Wie bist du zum Strohbau gekommen, und was fasziniert dich so daran?

Benedikt Kaesberg: 2004 hatte ich das Glück, als Zimmerer erstmals bei einem Strohbauprojekt mitbauen zu können. Das dreigeschossige Gebäude „Strohpolis“ war damals das größte Strohbau-Projekt in Deutschland. Mich fasziniert die Lebendigkeit, die ich im Bauen mit Stroh immer wieder erlebe. Da sind die überzeugten Bauherren und ­-damen, wie dort am Standort Siebenlinden, die quasi auf der grünen Wiese ein ökologisches Modelldorf aufbauen wollten und das auch tun. Da sind die Baustoffe Holz, Stroh, Lehm, die maximal nah an der Natur geblieben sind. Und da sind die Räume, die so entstehen und in denen es vielen Menschen wohl ergeht. Ich selbst lebe (bislang) nicht in einem Strohballenhaus, aber bei all meinen Gelegenheiten dort zu übernachten, habe ich mich morgens jedes Mal sehr gut ausgeschlafen gefühlt.

SonnenKlee: Was braucht es deiner Meinung nach, um Stroh vom Promilleanteil, den es derzeit am Markt für Baustoffe hat, in den Prozentbereich zu bringen?

Benedikt Kaesberg: Zunächst gilt es, folgendes zu denken: Bauten wie das S-House, der „5-Geschosser“ in Verden, das Ökodorf Siebenlinden, zahlreiche öffentliche Bauprojekte in Frankreich usw. zeigen, was Stroh am Bau kann und dass viel mehr Strohbau möglich ist. Und dann gilt es, das auch wollen.

Wer klein ist, tut gut daran, sich zusammen zu tun. 2017 wurde das von der EU gefördertes Projekt UP STRAW gestartet und es hat das erklärte Ziel, Bauen mit Stroh in den beteiligten Ländern (F, B, NL, UK, D) in eine neue Größenordnung zu führen. Das ist wirklich sehr spannend!

Wenn all diejenigen, die sich derzeit den Strohbau auf die Fahne schreiben, volle Auftragsbücher mit strohgedämmten Gebäuden hätten, wäre das großartig. Und auch dann wäre ein Anteil von auch nur einem Prozent am Bauvolumen insgesamt wohl noch nicht erreicht. Es braucht noch viel mehr professionelle Akteure.

Der Vergleich eines Hauses aus konventionellen energieintensiv hergestellten Baustoffen mit einem strohgedämmten Gebäude zeigt u. a., dass der Unterschied im Treibhauspotential einer zwanzigfachen Erdumrundung in einem Mittelklassewagen entspricht![1] Das ist bekannt. Es braucht Klimapolitik auch für den Bausektor. Die Energiewende ist in Deutschland inzwischen ein bekannter Begriff; nötig ist daneben auch eine Bauwende!

SonnenKlee: Die „lasttragende Bauweise“ könnte zu einer noch größeren Reduktion des Einsatzes der knappen Ressource Holz beitragen. Wo liegen da die Hürden und warum wird in Deutschland kaum „lasttragend“ gebaut?

Benedikt Kaesberg: Grundsätzlich gibt es in Deutschland keine anerkannten Berechnungsverfahren für die Belastbarkeit von Strohballen, so dass hier nur eine Genehmigung im Einzelfall möglich ist. Dabei muss ein Statiker die zuständige Baubehörde überzeugen, dass und wie Strohballen belastbar sind.

Es gab ein Forschungsprojekt und eine Doktorarbeit, wo auch das Potenzial des lasttragenden Bauens mit Stroh untersucht wurde. Dabei kam heraus, dass eine bauaufsichtliche Anerkennung hier langwierig und wohl auch nur eingeschränkt möglich wäre (z. B. auf kleinere eingeschossige Bauten).

SonnenKlee: Wie schätzt du die Lage des Strohbaus in Europa ein? Wo läuft es besonders gut und warum?

Benedikt Kaesberg: Frankreich ist in der Verbreitung des Strohballenbaus europaweit führend. Das französische Strohbaunetzwerk hat flächendeckend aktive Mitglieder, und es hat auch erfolgreich Lobbyarbeit gemacht, so dass Strohbau in der Politik bekannt ist und unterstützt wird. Beides ist vorbildlich und die Frucht langjähriger Arbeit.

Deutschland ist bekannt für seine erfolgreiche Grundlagenarbeit.

Aus Österreich kenne ich einige markante Bauprojekte. Außerdem gibt es hier einige Holzbaubetriebe, die Stroh als Baustoff verwenden, jedenfalls mehr als in Deutschland.

Insgesamt ist die Vernetzung der Strohbauaktiven in Europa erstaunlich weit entwickelt, so dass es nun auch Möglichkeiten zur gemeinsamen Entwicklung von Standards gibt.

SonnenKlee: Welche drei Strohbauprojekte sind für dich persönlich die beeindruckendsten und richtungsweisendsten?

Benedikt Kaesberg: Wenn man den Begriff Projekt etwas weiter fasst würde ich sagen:

Erstens, die erfolgreiche Grundlagenarbeit des FASBA (Fachverband Strohballenbau Deutschland) hat zu einer umfassenden Anerkennung des Bauens mit Stroh geführt. Ein Markt dafür ist nun möglich. Das ist beachtlich und zukunftsweisend!

Die erfolgreiche Lobbyarbeit und Mitgliederwerbung und –aktivierung des frz. Strohbaunetzwerks. Dort gibt es eine landesweit anerkannte und flächendeckende Ausbildung und damit wurden bislang schon 7000 strohgedämmte Gebäude errichtet, darunter befinden sich auch zahlreiche Großprojekte. Und es geht noch weiter! Es gibt dort inzwischen örtlich so etwas wie amtliche Bebauungsempfehlungen für Strohbau.

Mir scheint, dass gerade sehr viele Strohbauaktive aus ihren „Löchern“ herauskommen und auch über den nationalen Tellerrand hinausschauen. Vor einem Jahr wäre z. B. so ein Interview wie dieses noch nicht entstanden. Ich bin sehr gespannt, was daraus noch alles wird.

SonnenKlee: Kannst du uns die wichtigsten Gründe nennen, warum heute jemand sein Projekt mit Stroh umsetzen sollte?

Benedikt Kaesberg: Der wichtigste Grund scheint mir zunächst der Nutzen: Wenn jemand ein gesundes Eigenheim oder auch ein Mietobjekt mit hohem Qualitätsstandard haben möchte, ist er mit Stroh gut bedient.

Dann überzeugen die baulichen Qualitäten wie ein sehr angenehmes Raumklima durch Lehmverputzung und dem Einsatz von natürlichen Materialien sowie bestem Wärmeschutz im Winter und Hitzeschutz im Sommer.

Auch die Nachhaltigkeit strohgedämmter Gebäude ist hervorragend. Deutschland wird seine Klimaschutzziele 2020 aller Voraussicht nach deutlich verfehlen. Wenn das Bauen mit Stroh zum Standard würde, wäre das eine Trendwende, denn Bauen mit Stroh ist klimarelevant!

SonnenKlee: Was möchtest du unseren Lesern und Leserinnen sonst noch gerne mitgeben?

Benedikt Kaesberg: Macht es!

Lieber Benedikt, wir danken dir für das interessante Gespräch!

Links:

Quellenverweis:

[1] FNR (Hrsg.): Strohgedämmte Gebäude (2017), S. 22.

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